Wie es war, das erste Mal nach Japan zu kommen

München – Nagoya, es geht los

Oktober 2009, bleich und schweißgebadet steige ich aus dem kleinen Flieger, der mich von München nach Frankfurt gebracht hat. Meine Reise nach Japan beginnt also damit, dass ich mich wegen ein paar fieser Luftlöcher übergeben musste. So kurze Flüge sind wirklich nichts für mich.

Obendrein bin ich völlig übermüdet, weil ich die letzten Tage noch so sehr in Arbeit und familiäre Aktivitäten eingebunden war, dass ich kaum dazu gekommen bin, meine eigenen Vorbereitungen für einen 6-monatigen Aufenthalt (den ich nach nur einer Woche in Japan auf 9 Monate verlängern würde) im Ausland abzuschließen.

Am Flughafen flossen einige Tränen. Denn der Abschied von meinem damaligen Freund fühlte sich besonders hart an. Als wüssten wir beide, dass das unser persönlicher Abschied für immer sein würde, und so kam es dann letztendlich auch. Zu guter letzt brachte mich mein Papa, der am Flughafen arbeitete, zum Gate und setzte mich in eben jene Popelmaschine, die ich gerade auf wackligen Beinen verlassen habe.

In Frankfurt steht nun aber der große Vogel, der mich nach Nagoya bringen wird. Ich war noch nie außerhalb Europas, geschweige denn in Japan. Ich habe mich in ein Land verliebt, ohne es bisher wirklich kennengelernt zu haben. Ungelogen, das ist das größte Wagnis und Abenteuer meines bisherigen Lebens.

Der Flug

An die Wartezeit zwischen den Flügen kann ich mich nicht mehr erinnern. Nur noch an dem Moment, in dem ich neben einem schweigsamen Geschäftsmann links von mir Platz nahm und um mich rum alle Japaner sofort ihre Schuhe ausziehen und in mitgebrachte Reisehausschuhe schlüpfen. Ich muss lächeln, die Anspannung fällt ein bisschen ab. All das verspricht spannend zu werden.

Während dem Flug spricht mich ein Mitreisender an, wie ich meine Stäbchen richtig zu halten hätte. Ich folge seinen Anweisungen und esse dadurch langsam wie eine Schnecke xD Meine eigene Methode mag in den Augen eines Japaners nicht korrekt oder ästhetisch sein, aber für mich funktioniert sie besser.

Während dem Flug höre ich viel Musik, lese nur ein bisschen, bin in mich gekehrt. Schließlich habe ich keine Ahnung, was auf mich zukommen wird. Mein Japanisch ist, wenn ich ehrlich bin, zu dem Zeitpunkt noch bescheiden. Auf blöd werde ich mich erst mal mit niemandem unterhalten können. Deshalb habe ich auch schon vorab über die Sprachschule, die ich besuchen werde, einen Transfer vom Flughafen zu meiner Wohnung gebucht. Zugfahren, wenn ich nichts lesen kann, lieber nicht.

Die ersten Fettnäpfchen

Einen Satz habe ich sorgfältig für den Fahrer vorbereitet: 英語でもいいですか?Ist Englisch auch okay? Der Fahrer schüttelt den Kopf, als er mich am Flughafen abholt. Die Fahrt wird also eher schweigsam. Von der Autobahn aus, sieht man eh noch nicht viel. Hier und da eine Driving Range. Und Palmen. Ich brauche eine Weile, bis ich das in meinen Kopf kriege. Zu Hause in Deutschland war es in dem Jahr bereits besonders kalt gewesen. Hier herrscht strahlender Sonnenschein bei 25°C, es riecht wie im Süden, es klingt anders.

Auch wenn der Fahrer und ich uns nicht in einer Sprache verständigen können, wird seine Empörung durch ein Schnauben klar, als er mich zu meinem Mini-Apartement bringt und ich schnurstracks hineinstapfe, ohne an der Tür die Schuhe auszuziehen. Hallo, Fettnäpfchen. Das hätte ich aber wirklich wissen müssen. Ein weiteres unverständliches Schnauben, als ich irgendwie auf Japanisch herausstopsel, ob ich heute schon irgendwo etwas einkaufen könne, schließlich ist Sonntag.

Dann ist er auch schon weg und ich bin allein in einer Wohnung mit Tisch, Couch, Schreibtisch und Stühlen. Dazu mein grüner, altmodischer Koffer und da: mein Futon. Ich nutze meine Restenergie, rolle den Futon in der Schlafnische aus und kringel mich ein. Egal, wo ich nun bin. Die nächsten drei Stunden muss die Welt sich ohne mich weiterdrehen.

Der erste Schritt ins große Abenteuer

Als ich dann aufwache, bin ich wiederhergestellt und voller Tatendrang. Es kann losgehen. Japan will entdeckt, mein neues Leben hier gelebt werden. Und als ich an diesem Tag zum ersten mal aus der Tür trete, verliebe ich mich ein zweites Mal.

Die Welt, die ich bisher nur aus Animes und Mangas, Filmen und Lehrbüchern kannte, befindet sich direkt vor mir und ich muss nur die Hand danach ausstrecken. Jeder Schritt bringt mich ein Stückchen weiter auf meinem Abenteuer, das gerade erst beginnt.

Meine Japanliebe, die begann schon viel früher. Doch es war bisher eine Liebe auf Vetrauensbasis, auf Vorschuss quasi. In diesem Moment, in dem ich meine Wohnung verlasse und mich auf den Weg zum 100 Yen Shop und Supermarkt mache, wo ich nebenher meinen ersten kleinen Schrein am Straßenrand entdecke und die Gegend rund um mein Apartment erkunde, da weiß ich mit einer nie dagewesenen Sicherheit, dass dies eine Liebe auf Gegenseitigkeit ist, die mich mein Leben lang begleiten wird.

Sonst wären ich heute nicht, wo ich bin. Und du wärst nicht hier, um dir von mir erzählen zu lassen. Schön, dass du diesen Weg mit mir gehst!

Kategorien Alltägliches

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Ich bin Elisa, Japan ist meine große Liebe und hier erzähle ich davon. Manchmal nostalgisch, immer mit einem wachen Auge und vor allem viel Begeisterung. Als nächstes führen mich die Flitterwochen für eine Woche nach Okayama und von dort aus weiter nach Südkorea.

10 Kommentare zu “Wie es war, das erste Mal nach Japan zu kommen

  1. Awww, super süß! Ich versteh das so gut, bei mir war es auch Liebe auf Vorschuss – und bisher wurde ich auch noch nicht enttäuscht. Ich möchte mehr solcher Beiträge von dir lesen, weiter so!

    • Liebe Kumo, ich danke dir für die netten Worte ♥ Es ist so schön von jemandem zu hören, dass es ihn oder sie genauso mit der Japanleidenschaft erwischt hatte. Man kann das nämlich sonst schwierig erklären :)

  2. Wunderschön geschrieben, liebe Elisa!
    Ich habe mich in so vielen deiner Erlebnisse wiedergefunden. Mir ging es damals ganz ähnlich, als ich zu meinem Auslandsjahr nach Shizuoka aufgebrochen bin – im Flugzeug begleitet von Sorgen, Ängsten, dem Abschiedsschmerz … aber vor allem auch voller Vorfreude auf das magische Land, das man bisher nur aus Filmen und Büchern kannte.
    Als du dich 2009 aufgemacht hast, hab ich noch in reinen Träumereien über Japan gesteckt :)
    Aber der Fahrer, der dich vom Flughafen abgeholt und zur Wohnung gebracht hat, scheint ja nicht sehr… sensibel gewesen zu sein ^^ Gut, dass du dir davon den Start nicht hast vermiesen lassen <3

    Ich kann mich meinen Vorrednern nur anschließen, dein Beitrag liest sich fast wie der Anfang eines Buches! Total schön :)

    • Wenn es irgendwann mal ein japanliebe-Buch gäbe, das wäre wundervoll :D Und den Fahrer habe ich locker genommen. Der hatte bestimmt die Schnauze voll, von all den komischen Austauschstudenten, die sich mit den regionalen Sitten nicht auskennen.

  3. Hier ist ja gerade viel los!
    Es ist toll – ich finde mich in Einträgen wieder, obwohl ich selbst kaum etwas mit Japan zu tun habe. Nagut, ich mag Manga und ich möchte unbedingt irgendwann mal nach Japan. :D Dieser Beitrag erinnert mich sehr an „mein“ Abenteuer Irland – auch ich bin für 6 Monate in das Land gereist ohne je dort gewesen zu sein. Habe sogar gewagt, bei meiner ersten Ankunft – mit 2 großen Koffern, nachts, alleine, mit öffentlichen Verkehrsmitteln – das Hostel zu erreichen. Wahnsinn!
    Ich freue mich auf mehr!

    • Du warst jedenfalls viel mutiger als ich. Noch dazu nachts! Bei mir war es mitten am Tag. Im Nachhinein war meine Entscheidung allerdings gut. Ich hätte keine Ahnung gehabt, wie ich den Koffer vom Bahnhof zu meiner Wohnung hätte bringen sollen *lach*

  4. Das liest sich so wunderbar. Bitte mehr davon!

  5. Hallo Elisa!
    Dein Bericht ist wirklich sehr schön geschrieben!
    Als wäre man bei Deinen ersten Schritten in Japan mit dabei gewesen.
    Vielen Dank dafür! :-)

    Deinen Bericht über Deine erste Zeit in Japan könnte ich mir so auch gut als Buch vorstellen,
    ich bin schon gespannt, was Du noch so erzählen wirst!

    LG,
    Viola

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