Kitchen von Banana Yoshimoto

Buchtipp: „Kitchen“ – Banana Yoshimoto

Banana Yoshimotos Buch „Kitchen“ ist ein Klassiker der modernen japanischen Literatur und erfreut sich seit vielen Jahren auch im Westen großer Beliebtheit. Als ich anfing mich für Japan zu interessieren (daaaamals), war es ein Muss das Buch zu lesen. Als es mir dann neulich wieder in einem Reiseführer als Leseempfehlung unterkam und ich feststellen musste, dass ich mich kaum noch an den Inhalt erinnern konnte, stand schnell der Entschluss fest, „Kitchen“ ein zweites mal zur Lektüre zu erklären.

Das Buch „Kitchen“ von Banana Yoshimoto

Das Buch ist weniger ein Roman als eine Sammlung von drei Kurzgeschichten. Die ersten beiden – „Kitchen“ und „Vollmond (Kitchen 2)“ – gehören zusammen und ergeben auch nur gemeinsam gelesen richtig Sinn. Die dritte Erzählung „Moonlight Shadow“ ist nur thematisch an die anderen beiden angelehnt, spielt aber an einem anderen Schauplatz und behandelt Charaktere, die in „Kitchen“ 1 und 2 nicht vorkommen.

„Kitchen“

„Kitchen“ folgt der Geschichte der jungen Studentin Mikabe, die im Laufer der Jahre sowohl ihre Eltern als auch ihre Großeltern verloren hat. Zuletzt ihre Großmutter, mit der sie bis zuletzt zusammengelebt hatte. Sie findet sich völlig allein wieder: in der gemeinsamen Wohnung aber vor allem in ihrem Leben. Sie ist völlig versunken in ihrer Trauer und hört auf, ihre Vorlesungen und Seminare an der Universität zu besuchen.

Es erscheint wie ein Wunder als eines Tages der junge Mann vor der Tür steht, der in dem Blumenladen jobbt, in dem Mikabes Großmutter so gern eingekauft hatte. Er und seine Mutter Eriko haben beschlossen, dass Mikabe fürs Erste bei ihnen einziehen soll. Diese nimmt das Angebot an und findet sich im ungewöhnlichen Familienleben der Tanabes wieder, das so gar nicht der japanischen Norm entspricht, denn Eriko war einmal Yuichis Vater, bis dessen leibliche Mutter starb und Eriko beschloss an ihrer statt die Rolle von Yuichis Mutter einzunehmen.

„Vollmond (Kitchen 2)“

Im zweiten Teil der Story hat Mikabe mit einem weiteren Verlust zu kämpfen, der sie noch schwerer trifft als der Tod der Großmutter. Sie muss sich entscheiden, wie sie sowohl mit ihrer Trauer als auch mit ihrer Einsamkeit umgehen möchte. Vor allem aber, ob sie bereit ist sich zu öffnen und neue Menschen in ihr Leben zu lassen, die neue Verluste bedeuten können.

„Moonlight Shadow“

Bei einem tragischen Autounfall kommen Hiidetoshi und die Freundin dessen jüngeres Bruders ums Leben. Zurück bleiben Hitoshis Bruder Hiiragi und seine eigene Partnerin Satsuki, aus deren Sicht die Geschichte erzählt wird. Nach vier Jahren Beziehung trifft sie der unerwartete Tod hart. Satsukis einziger Weg den Verlust zu kompensieren sind frühmorgentliche Joggingrunden, bei denen sie die geheimnisvolle Urara kennenlernt. Diese Begegnung gibt ihr neue Hoffnung und vielleicht gibt es doch eine Möglichkeit, Abschied zu nehmen und das eigene Leben fortzusetzen, ohne für immer in jenem Moment des Verlusts gefangen zu sein.

Meine Meinung

Das Buch mit jetzigem Wissensstand noch einmal zu lesen, führte dazu, dass ich im Gegensatz zu damals nicht im Anhang nachschlagen musste, wenn japanische Wörter erwähnt wurden. Bei allem hatte ich klare Bilder im Kopf, wie die beschriebenen Orte aussehen, und diese Vorstellung ist wesentlich japanischer als beim ersten Lesen, da ich damals noch nicht im Lieblingsland gewesen war 😉

Inhaltlich sind die drei Kurzgeschichten nicht die einfachste Kost, dreht sich doch alles um Tod, Verlust, Trauer. Gleichzeitig wird einem mehr und mehr klar, dass die Hauptbotschaft der Autorin trotz der beschriebenen Umstände durchwegs positiv ist: Trauerfälle gehören zum Leben dazu, doch das Wichtigste ist es als Hinterbliebener nicht aufzugeben, sich nicht völlig in der eigenen Traurigkeit zu verlieren. Zwischenmenschliche Beziehungen machen das Leben lebenswert, auch wenn sie die Gefahr mit sich bringen, dass man durch Freundschaften und Liebe erneut verletzt wird und Verluste erleiden muss. Man sollte sich an der schönen gemeinsamen Zeit freuen und nicht daran verzweifeln, wenn man einen Schicksalsschlag erleidet.

„Kitchen“ 1 und 2 finde ich vom Erzählstil etwas anstrengend zu lesen, beziehungsweise fällt es mir schwer, der ewig wechselnden Gefühlslage der Hauptperson zu folgen. Mikabes emotionales Chaos ist nach den erlittenen Verlusten mehr als nachzuvollziehen, dennoch ist es verwirrend wechselnde Sätze zu lesen von „ich war so traurig“, „meine Stimmung hellte sich schlagartig auf“, „da war ich wieder am Boden zerstört“. Jeder kennt solche wechselnden Gefühle bei sich selbst, ich hätte mir dennoch gewünscht von der Autorin besser hindurch geführt zu werden. Hier merkt man, dass es sich um Banana Yoshimotos Erstlingswerk handelt. Bei der letzten Geschichte „Moonlight Shadow“ sind Handlungsverlauf und Innenschau der Protagonistin wesentlich runder und angenehmer zu lesen. Der Erzählstil ist viel ausgereifter und man durchlebt mit der Protagonistin, was es bedeutet den Partner verloren zu haben und dennoch neue Hoffnung zu schöpfen. Eindeutig mein Favorit.

Ab hier folgen ein paar Spoiler!
Der wohl interessanteste Aspekt an den Büchern, der sie wohl auch in Japan so populär gemacht hat, ist das Abseits der Norm, dass vor allem bei „Kitchen“ zu tragen kommt. Das Familienleben der Tanabes ist ganz weit weg vom klassisch japanischen Bild mit Salarayman-Vater, Hausfraumutter und Kind. Eriko hat sich für eine Geschlechtsumwandlung entschieden und das vorwiegend aus familiären Gründen. Sie möchte ihrem Sohn die Mutter sein, die er verloren hat. Auch ihre Tätigkeit als Hostess in einem Nachtclub, dass Mikabe die Uni hinschmeißt, um kochen zu lernen oder in der letzten Geschichte ein Junge Mädchenklamotten trägt, um über den Verlust der verstorbenen Freundin hinweg zu kommen…alles nichts, was in Japan als besonders akzeptabel oder gar erstrebenswert gilt, in diesem Land, in dem es so wichtig ist, wie man sich in die Gruppe einfügt und am besten wenigst möglich auffällt.
Spoiler Ende

Alles in allem ist „Kitchen“ von Banana Yoshimoto eine kurzweilige Lektüre (die einzelnen Geschichten hat man wirklich schnell durch) mit der richtigen Menge an Gedankenanstößen darüber, wie man das eigene Leben lebt, dem Geschenk, am Leben zu sein, umgeht und Schicksalsschläge verkraftet. Da nach drei Kurzgeschichten die Botschaft der Autorin für mich sehr deutlich geworden ist, würde ich von ihr nicht unbedingt noch mehr Bücher zum gleichen Thema lesen wollen. Zu anderen Inhalten allerdings gern, denn ihre Einstellung zu alternativen Lebensmodellen sagt mir sehr zu und wir alle können Vorbilder in dieser Richtung gut gebrauchen, nicht nur im normengeregelten Japan.

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Ich bin Elisa, Japan ist meine große Liebe und hier erzähle ich davon. Manchmal nostalgisch, immer mit einem wachen Auge und vor allem viel Begeisterung. Als nächstes geht es über Neujahr nach Tokio, Kyoto und auf die Izu Halbinsel.

2 Kommentare zu “Buchtipp: „Kitchen“ – Banana Yoshimoto

  1. KLingt wirklich unheimlich spannend, aber ob ich mit so schwerer Kost tatsächlich zurecht kommen würde. Ich weiß es nicht…

    • Das Gefühl, das man aus den Geschichten mitnimmt ist durchwegs positiv und hoffnungsvoll. Da musst du dir keine Gedanken machen.

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