Japan-Roman von Marion Poschmann: "Die Kieferninseln"

Buchtipp: „Die Kieferninseln“ – Marion Poschmann

Manchmal packt es mich: Ich stoße auf ein Buch, habe keine Ruhe mehr, bis ich Zeit finde zum Lesen, und im Idealfall schmökere ich die Geschichte in einem Zug oder zumindest wenigen Tagen weg. So ging es mir letzte Woche mit Marion Poschmanns Roman „Die Kieferninseln“, der schon bei Erscheinen einen kleinen Aufruhr in den Medien verursachte. Denn das Buch behandelt die Thematik Selbstmord in Japan, mit allen kuriosen Auswüchsen wie Anleitungen für den perfekten Suizid und den Selbstmordwald Aokigahara (jap. 青木ヶ原).

Schon damals wurde es an mich herangetragen, in Form von Zeitungsausschnitten und Empfehlungen. Wenn einem ein Buch so ans Herz gelegt wird, muss man sich eines Tages damit auseinandersetzen. Und als mir das Buch nun plötzlich wieder untergekommen ist, war es endlich soweit. Für mich hat es sich der Japanroman „Die Kieferninseln“ absolut gelohnt!

Das Buch „Die Kieferninseln“ von Marion Poschmann

Gilbert Silvester ist Bartforscher. Nicht etwa aus Leidenschaft. Nein, es ist sein aktuelles Drittmittel-Projekt an der Universität, an der es nicht für einen eigenen Lehrstuhl für Gilbert gereicht hat. Er ist nicht dort, wo er sich im Leben mit seinem Alter wiederfinden wollte. Und als er auch noch eines Nachts träumt, dass seine Frau ihn betrügt, fliegt er aus einer Kurzschlusshandlung heraus ans andere Ende der Welt und ist in einem Land, in dem er gar nie sein wollte: Japan, ein Land der Teetrinker.

Um sich einzustimmen auf die fremde Kultur, der er nicht so wirklich viel abgewinnen kann, kauft er sich einen Reisebericht des Dichters Bashō und beschließt auf Pilgerschaft zu gehen. Seine Destination: Die Kieferninseln – eine von Japans angeblich drei schönsten Landschaften.

Zu seinem Leid bleibt er dabei nicht allein, sondern gabelt den Studenten Yosa auf, der so eine Angst hat, bei seinen Abschlussprüfungen zu versagen, dass er beschlossen hat seinen Eltern die Scham zu ersparen und sich umzubringen. Dabei folgt er den Anweisungen in einem Handbuch für Personen mit Suizidwunsch – dem „Complete Manual of Suicide“.

Gilbert bleibt nichts anderes übrig, als sich Yosa anzunehmen. Gemeinsam gehen sie auf Wanderschaft. Zu populären Orten, um sich das Leben zu nehmen und in Richtung der Kieferninseln.

Meine Meinung

„Die Kieferninseln“ ist ein Buch der Empörung. Gilberts Empörung. Eigentlich über alles. Als Leser folgt man seinen vielen durchaus intelligenten und doch so festgefahrenen und engstirnigen Gedankengängen. Oftmals musste ich, selbst als Akademiker mit dem Kopf gelegentlich zu sehr in den Wolken, darüber schmunzeln. An anderen Stellen ist fremdschämen an der Tagesordnung. Dafür, wie sehr Gilbert über diese fremde Kultur urteilt, in die er gerade erst eintaucht, aber von der sich bereits vorab ein in Stein gemeißeltes Bild gemacht hat.

Marion Poschmann beschreibt so treffend die Eindrücke, die in Japan auf einen einprasseln. Mir ging regelmäßig das Herz auf mit dem Gedanken „Ja, genau so ist es! Wunderschön, ich liebe es!“ Dann tauchen wir ein in Gilberts Sicht auf die Dinge und man möchte ihn am liebsten an der versnobten, für die Reise völlig unpraktischen Tasche packen und kräftig schütteln. „Sie hin, Gilbert! Mach endlich die Augen auf und wage einen Blick über den Kaffee-fokussierten Tellerrand.“

Denn das Sinnbild für seinen Unmut ist die Tradition der Japaner, Grüntee zu trinken. Immer und überall. Ein Unding. Geschmacklose Plörre…oder eben doch nicht? Es sind die kleinen Entwicklungen im Hintergrund, die das Buch für mich so spannend machen. Mit ansehen, wie Gilbert das Grüntee Trinken mehr und mehr zur Selbstverständlichkeit wird. Wissbegierig zuhören, wenn Yosa mehr und mehr aus sich heraus geht und aus seinem Leben erzählt.

Ich beim Lesen von "Die Kieferninseln". Was für ein schönes Cover!
Ich beim Lesen von „Die Kieferninseln“. Was für ein schönes Cover!

Ab hier folgen Spoiler!
Mehr und mehr kam es mir im Verlauf des Buches so vor, dass Yosa verdächtig mit Gilberts Worten spricht. Dass seine Geschichte von dem Mädchen, mit dem er sich einst traf, und dass ihn verzaubert und in seinen Bann gezogen hat, genauso eine Erinnerung an Gilberts Frau sein könnte. Dass so vieles an ihm Gilbert stört, weil er sich selbst in ihm sieht und im Grunde seine eigenen Unzulänglichkeiten kritisiert. Bis hin zu dem Moment, an dem Yosa einfach verschwindet und sich in mir die Frage breit machte: Existiert der junge Japaner überhaupt oder ringt Gilbert mit sich selbst? Wer genau möchte sich hier das Leben nehmen, mit dem er nichts mehr anzufangen weiß und in dem er so viele Fahler gemacht hat?
Spoiler Ende

Das Buch hätte für meinen Geschmack ruhig noch länger sein können, da es Japan mit seinen Eigenheiten so schön beschreibt. Auch macht es auf großen Strecken Spaß, in Gilberts Gedanken einzutauchen. Hin und wieder aber kippt die Stimmung und man muss sich zu sehr über diesen hochnäsigen Protagonisten ärgern. Vielleicht, weil er einen selbst so gut spiegelt, mit allen festgefahrenen Meinungen und Vorurteilen.

Es ist nicht der richtige Roman für alle, die sensationslustig über die verrückten Suizidpraktiken der Japaner lesen möchten. Sicher, darum geht es auch. Aber vielmehr ist es eine Reise. Von Bashō gibt es das Reisetagebuch „Oku no Hosomichi“ (jap. 奥の細道) – „Auf schmalen Pfaden ins Hinterland“. Das „Oku“ im Namen bedeutet auch „das Innere“. Und auf genau so eine Reise begibt man sich mit Möchtegern-Bashō Gilbert Silvester. Da die schmalen Pfade in Japans Hinterland Shinkansen-Strecken gewichen sind, bleibt nur die Reise ins (eigene) Innere.

Vielen Dank an meiner Freundin Ariana, die mir das Buch geliehen hat.

Weiterführende Links

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Das Buch auf der Website des Suhrkamp Insel Verlags

Arianas Beitrag zum Buch


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