"Rental Family" mit Brendan Fraser gibt einen Einblick in die Industrie der Leihfamilien in Japan.

In Japan kann man sich eine Familie mieten: Wenn Nähe zum Geschäftsmodell wird

Das Mieten von Familienmitgliedern ist in Japan ein Nischengeschäft. Doch hinter den kuriosen Dienstleistungen verbirgt sich eine globale Wahrheit: In einer Welt der zunehmenden Isolation wird menschliche Nähe zur käuflichen Ware. Ein Blick auf das Phänomen der „Rental Families“ zwischen Kinoleinwand, Inszenierung und echter Einsamkeit.

Können bei einer bezahlten Beziehung echt Verbindungen entstehen? (Foto: Searchlight, Disney)
Können bei einer bezahlten Beziehung echt Verbindungen entstehen? (Foto: Searchlight, Disney)

Das Geschäft mit der Lüge

„Sind Sie bereit, die Lüge aufrechtzuerhalten?“ fragt Yūichi Ishii zu Beginn neue Klienten.
„Wenn die Tochter jemals heiratet, muss ich bei der Hochzeit den Brautvater spielen und später den Großvater ihrer Kinder.“

Ishii ist Schauspieler und Gründer der Agentur Family Romance. Seit 2009 vermietet er sich und seine Mitarbeitenden als Familienmitglieder, Trauergäste, Ersatzfreunde – für alle, die menschliche Lücken füllen wollen. Es gibt rund 300 solcher Family-Rental-Agenturen in Japan, doch niemand hat das Geschäft mit der Lüge so perfektioniert wie der Tokioter Schauspieler.

2018 schrieb The New Yorker über ihn. Die Geschichte war so packend, dass sie einen National Magazine Award gewann. In Ishiis Heimatland drehte der Sender NHK ein Special über seine Firma. Werner Herzog engagierte ihn als Hauptdarsteller in einer Scripted-Reality-Dokumentation, in der Ishii sich selbst spielt. Dann kam die Enthüllung durch japanische Medien: Die bewegenden Kundenstimmen in Reportagen von NHK und The New Yorker – alles Mitarbeiter von Ishiis Firma. Er hatte sich und seine Arbeit bis ins kleinste Detail inszeniert.

Der Award wurde zurückgegeben. Der Artikel hingegen blieb mit einer Anmerkung der Redaktion und neuem Titel online. Das Thema sei breit dokumentiert, rechtfertigte The New Yorker sich, ganz unabhängig von Ishiis Glaubwürdigkeit. Doch wie viele Kunden deren Angebote tatsächlich in Anspruch nehmen, ist unbekannt. Nichtsdestotrotz fasziniert allein das Gedankenspiel: Was bringt Menschen dazu, ein Familienmitglied zu mieten? Wo hört Lüge auf und fängt Hilfe an? Kann eine gespielte Beziehung echte Verbindung ersetzen?

Filmposter zu "Rental Family" (Foto: Searchlight, Disney)
Filmposter zu „Rental Family“ (Foto: Searchlight, Disney)

„Rental Family“ mit Brendan Fraser

All diese Fragen stellt Regisseurin Hikari in ihrem Film „Rental Family“, der am 8. Januar in die deutschen Kinos kommt – mit Brendan Fraser als erfolglosem Schauspieler Philip, der mit fehlenden Aufträgen, Einsamkeit und dem ewigen Gefühl, der Fremde zu sein, kämpft. Doch genau dadurch qualifiziert er sich perfekt für die Rolle als „token white guy“ für eine Agentur, bei der er künftig Bräutigame, Journalisten und Väter mimt. Schon beim ersten Einsatz hält der Film dem Publikum den Spiegel menschlicher Doppelmoral vor, als Philip sich zunächst mit von Skrupeln geplagtem Gewissen auf der Toilette verkriecht, statt vor den Altar zu treten. Mit einem erleichterten Lächeln werden am Ende Protagonist wie Kinopublikum aus der Situation entlassen, da die Braut sich als lesbisch herausstellt und nur durch die Fake-Heirat in der Lage ist, mit ihrer Partnerin heimlich ein neues Leben zu starten. Die Lüge wird zur Rettung. Und damit vertretbar?

Hikari, die mit 17 Jahren in die USA auswanderte, hat mit „Rental Family“ einen Film gedreht, der zwar in ihrer ursprünglichen Heimat Japan spielt, aber universelle Themen anspricht: Scham, soziale Erwartungen, Einsamkeit. Er erzählt auch von ihrer eigenen Vergangenheit, in der sie ohne Vater aufwuchs und von ihrer Mutter lange Zeit in dem Glauben gelassen wurde, dass dieser nicht mehr am Leben sei. In Interviews spricht sie über Japan als Ort „negativen kulturellen Hintergrunds“ – unterdrückte Gefühle, dysfunktionale Familienstrukturen, gesellschaftlicher Druck. Ihr erster Film, „37 Seconds“, erzählt von einer jungen Frau mit Zerebralparese, die sich gegen japanische Erwartungen emanzipiert. „Rental Family“ setzt diese Perspektive fort. Und doch fühlt der Film sich eher wie eine Liebeserklärung an. An das Land, seine Bewohner und zwischenmenschliche Beziehungen jeder Art. Durch das Geschäft mit der Lüge erfahren wir etwas über die Suche nach der Wahrheit.

Brendan Fraser verkörpert perfekt den Ausländer, der versucht, seinen Platz in der japanischen Gesellschaft zu finden. (Foto: Searchlight, Disney)
Brendan Fraser verkörpert perfekt den Ausländer, der versucht, seinen Platz in der japanischen Gesellschaft zu finden. (Foto: Searchlight, Disney)

Der Mann, der nichts tut

Wo Ishii die perfekte Illusion einer Biografie verkauft, geht Morimoto Shoji einen Schritt weiter in Richtung Radikalität: Er vermietet seine reine Anwesenheit – ohne Rolle, ohne Skript, ohne Handlung. „Dinge können sich allein dadurch verändern, dass jemand da ist,“ schreibt er in seinen Memoiren. Und so steht er an Marathonzielen, sitzt schweigend neben Menschen, die Scheidungspapiere unterschreiben, schaut zu beim Durchklicken von Dating-Profilen. Sein Erfolg zeigt: Die größte Sehnsucht in der anonymen Masse ist nicht unbedingt die nach einer spannenden Geschichte, sondern nach einem Zeugen für das eigene Dasein.“ Seine über 400.000 Follower auf X zeigen aber auch, dass sein Service nicht nur den Kunden dient: „Do-nothing rental besteht aus drei Elementen: mir, dem Klienten und dem Publikum.“

Japan scheint das Geschäft mit der Lüge effizient kommerzialisiert zu haben mit einer schier endlosen Anzahl kurioser Dienste und Angebote wie Umarmungscafés. Dabei gibt es professionelles Kuscheln auch in der Schweiz und Deutschland. In den USA findet man Mietangebote für Brautjungfern oder Schlangensteher, die sich um die lästige Wartezeit aufs Konzert oder das neue iPhone kümmern. Virtuelle Partner, ChatGPT-Therapie, Dating-Apps mit KI – überall kaufen Menschen Aufmerksamkeit und Nähe. Ein Drittel der Japaner berichtet von Einsamkeit. In den USA ist es sogar die Hälfte, weshalb der ehemalige Gesundheitsminister eine „Epidemie der Einsamkeit“ ausrief. Kaum verwunderlich also, dass sich auch dort Plattformen wie die Website rentafriend.com finden lassen.

Auch wenn Regisseurin Hikari der beengten japanischen Gesellschaft entflohen ist, fühlt sich "Rental Family" wie eine Liebeserklärung an ihr Heimatland an. (Foto: Searchlight, Disney)
Auch wenn Regisseurin Hikari der beengten japanischen Gesellschaft entflohen ist, fühlt sich „Rental Family“ wie eine Liebeserklärung an ihr Heimatland an. (Foto: Searchlight, Disney)

Die käufliche Kulisse – doch wo bleibt die Erfüllung?

„Sind Sie bereit, die Lüge aufrechtzuerhalten?“ fragt Yūichi Ishii. Doch die eigentliche Frage ist: Was versuchen wir durch sie zu vermeiden? Kommt die Wahrheit ans Licht, müssen wir uns jenen zwischenmenschlichen Komplikationen stellen, denen wir mit der Lüge aus dem Weg gehen wollten. In einer globalen Ökonomie der Nähe, in der Aufmerksamkeit und Anwesenheit zunehmend käuflich sind, wird diese Vermeidung zum Geschäftsmodell. Und doch bleibt der Wunsch nach echten Beziehungen ungebrochen. Gemietete Nähe kann trösten oder überbrücken – erfüllend wird sie jedoch nur dort, wo sie freiwillig ist.


„Rental Family“ läuft seit 8.1.2026 in Deutschland und Österreich und kommt im Februar in Japan in die Kinos. Ich hatte die Möglichkeit, den Film vorab zu sehen und kann ihn wärmstens empfehlen. Er ist gelungenes Fusion Cinema mit japanischen wie amerikanischen Elementen, das von seinem tollen Ensemble, allen voran Brendan Fraser, lebt.

Dem Thema „Menschen mieten“ ist auch ein Kapitel in meinem Buch Weird Japan gewidmet.

Quellen und weiterführende Links

Die Zeit: Wenn die Lüge besser ist als die Wahrheit
Tokyo Weekender: Hikari Steps Into the Spotlight
The Japan Times: Why we can’t get enough of the sham of the rental family
Today: ‚Rental Family‘ Director and Stars Explain the Movie’s Real-Life Inspiration
The New Republic: How The New Yorker Fell Into the “Weird Japan” Trap
Übermedien: Deutsche Radiosender verheddern sich in wohl falscher Geschichte um falschen Vater
Atlantic: How to Hire Fake Friends and Family
Film Independent: From The Screenwriting Lab to ‘Rental Family’ : HIKARI on Creating Authenticity in Her Films
Ilcek Foundation: HIKARI’s “37 Seconds” illustrates the experience of a young woman living with cerebral palsy
Esquire: Her Name Is Hikari and This Is Her Destiny
New York Post: New Yorker returns award for Japan ‘rental family’ story
The New Yorker: Japan’s Rent-a-Family Industry


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