"Tante NonNon" von Shigeru Mizuki ist 2019 neu im Reprodukt Verlag erschienen.

Mangatipp: „Tante NonNon“ – Shigeru Mizuki

„Tante NonNon“ ist ein Manga, den ich mir aufgrund des Covers nie selbst gekauft hätte. Eine ulkige alte Frau und ein rundgesichtiger Junge, dazu der eher seltsame Name. Welch Glück, dass ich den Band geschenkt bekam. Denn Shigeru Mizukis Erzählstil haute mich von den Socken. Gekonnt kombiniert er seine eigenen Kindheitserinnerungen mit japanischer Folklore. Geister und Dämonen tummeln sich in der Welt seiner Kindertage.

Seine fantastischen Geschichten machten Shigeru Mizuki in Japan zu einem der beliebtesten Mangaka des letzten Jahrhunderts. In seiner Stadt Sakiminato eröffnete man noch zu seinen Lebzeiten ein Museum, eine ganze Straße dort ist ihm und vor allem seinen Geisterwesen gewidmet, die man dort in Form von 150 kleinen Bronzestatuen verewigt hat.

Mizuki ist bisher in Deutschland nahezu unbekannt. Der Berliner Reprodukt-Verlag bringt seine Werke nun Stück für Stück auch zu uns. „Tante NonNon“ ist darunter ganz klar eine Kaufempfehlung.

„Tante NonNon“ von Shigeru Mizuki

Der junge Shigeru, von seinen Freunden Gege genannt, wächst im ländlichen Japan der 1930er Jahre auf. Gemeinsam mit zwei Brüdern und seinen Eltern lebt er in einem Haus, das nach dem Tod ihres Mannes auch die Heimat von „Tante“ NonNon wird. Die alte Frau kann nicht mehr selbst für ihren Lebensunterhalt aufkommen und wird von Shigerus Familie aufgenommen. Als Gegenleistung hilft sie im Haushalt.

Vor allem aber wird sie zu Geges Vertrauter und Ersatzgroßmutter, die immer eine Schauergeschichte für den Jungen auf Lager hat. Es gibt keinen Dämon und keinen Geist (jap. yōkai 妖怪), über den sich nichts weiß.

Dadurch wird das Leben des fantasievollen Shigerus um einiges gefährlicher. Überall begegnen ihm Wesen aus anderen Welten, die meisten sind den Menschen nicht gut gesonnen. Manchmal hilft nur ein guter Rat von Tante NonNon, um dem yōkai in letzter Sekunde doch noch zu entkommen. Und das alles, während Gege eigentlich damit beschäftigt ist ein unbeschwerter Junge zu sein, der davon träumt, einmal Mangazeichner zu werden.

Der erste Satz

„Vor über 80 Jahren, im Jahr Showa 6, verbrachten wir Jungen unsere Zeit damit, uns untereinander zu bekriegen.“ (Mizuki, Reprodukt, 2019, Seite 3)

Meine Meinung

Wow, was für ein toller Manga! Shigeru Mizuki verwob in diesem Werk mit viel Witz und Gefühl seine Kindheit mit fantastischen Geistergeschichten. Dadurch ruft er einem in Erinnerung, wie nah die Welt der Fantasie der unseren in Kindestagen noch war. War man einfach nur erschöpft auf dem Nachhauseweg und zu müde, um weiter zu gehen, oder stellte sich damals einem ein unsichtbarer Dämon in den Weg? Hörte man nachts nur das Trippeln der Ratten in dem einsamen Haus nebenan oder spukte es dort wirklich?

Gege ist durch und durch Kind, wie jeder von uns es auch war. In der Freizeit wurden wilde Schlachten ausgetragen, Erwachsene und ihre Probleme sind schwer zu verstehen und die Geschichten im Kopf sind weit spannender als die Realität. Doch diese holt Shigeru auch unweigerlich immer wieder ein. Das Leben auf dem Land in den 1930ern war nicht einfach. Die Sterblichkeitsrate bei Kindern war hoch, Gesindel zog durch die Städte und verlor ein Vater seine Arbeitsstelle, konnte dies für die Söhne der Familie bedeuten, dass sie die Schule nicht beenden konnten.

Shigeru Mizuki vermittelt als dies mit so viel Gefühl und genug Witz, dass es nie zu gruselig oder traurig wird. Eine Balance, die sich auch in seinem Zeichenstil widerspiegelt. Während die Figuren selbst nahezu albern aussehen, steckt in den Hintergründen ganz viel Liebe zum Detail.

Die Zeichnungen in Shigeru Mizukis Manga "Tante NonNon" sind eine Mischung aus ulkigen Figuren und detailgetreuen Hintergründen.
Die Zeichnungen in Shigeru Mizukis Manga „Tante NonNon“ sind eine Mischung aus ulkigen Figuren und detailgetreuen Hintergründen.

Besonders viel Spaß hatte ich an den Nebencharakteren: Geges Brüder, die selbst mit dem Erwachsenwerden kämpfen und seine Eltern, die gegensätzlicher nicht sein könnten. Shigerus Mutter ist bodenständig und realistisch veranlagt, krampfhaft klammert sie sich zur Belustigung der anderen Familienmitglieder daran fest, dass sie aus einer Händlerfamilie kommt, die es zu ein bisschen etwas gebracht hat. Ihr Mann hingegen ist Akademiker und immer mit dem Kopf in den Wolken. Seinen Bürojob macht er nur, um Geld zu verdienen, seine Träume liegen eher im künstlerischen Bereich. Genau dadurch sind Geges Eltern letztendlich ein gutes Team und für ihre Söhne Vorbilder auf vielen unterschiedlichen Ebenen.

„Tante NonNon“ ist natürlich etwas für Japanfans, aber aufgrund der zugleich realistischen und fantastischen Story, ohne dabei ins Fantasy-Genre abzurutschen, auch etwas für Leser, die eigentlich nichts mit japanischen Comics am Hut haben. Ich war traurig, als sich der über 400-Seiten lange Band dem Ende zuneigte und freue mich sehr darauf, dass der Reprodukt-Verlag plant, weitere Werke von Mizuki zu veröffentlichen.

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Kategorien Populärkultur
Elisa

Über

Ich bin Elisa, Japan ist meine große Liebe und hier erzähle ich davon. Meine Japanreisen 2019: im Mai war ich zweieinhalb Wochen an der San-in Küste, im November auf Shikoku. What's next?

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