Eine Kieselfläche mit einer kleinen hölzernen Box markiert, wo in 20 Jahren der Neubau des angrenzenden Schreins stattfinden wird.

Der Schrein in Japan, der alle 20 Jahre neu gebaut wird

Zwei weiße Kieselsteine aus dem Miya-Fluss trägt ein jeder Teilnehmer der oshiraishi-mochi-Zeremonie in den Händen. Es sind Leute aus den umliegenden Dörfern, die dieses Ritual teils schon zwei, drei Mal in ihrem Leben mitgemacht haben, zuletzt vor 20 Jahren. Die Steine werden in Karren geladen und dann unter großer Anstrengung, aber auch mit viel Gelächter und Gesängen zu Japans größten Heiligtum gebracht: dem Ise-jingū-Schrein. In seinem Innersten wird die Sonnengöttin Amaterasu verehrt, auf die das japanische Kaiserhaus sich bei seiner Herkunft beruft. Die Kiesel werden ihr neues Zuhause schmücken, denn alle 20 Jahre zieht die Sonnengöttin um in ein neues Gebäude. Doch wie kommt es, dass ein ganzer Schrein alle 20 Jahre komplett neu gebaut wird?

Alle 20 Jahre wieder – Neubau des Ise-jingū

Warum alle 20 Jahre? 

In den letzten 1300 Jahren ist der Großschrein von Ise insgesamt 62 Mal komplett neu gebaut worden. Die Tradition, sämtliche Schreingebäude inklusive aller Tore (torii 鳥居) und sogar Brücken auf dem Gelände alle 20 Jahre vollständig zu erneuern, geht auf Kaiser Tenmu zurück. Der rituelle Neubau, genannt jingū shikinen sengu (神宮式年遷宮), fand zum ersten Mal im Jahr 690 statt.

Warum Kaiser Tenmu solch eine Tradition einführte, die regelmäßig große Unsummen an Geld verschlingen würde, ist nicht dokumentiert. Doch wie so oft wurde der Brauch vermutlich aus einer Notwendigkeit heraus geboren. Während der Yayoi-Zeit (ca. 300 v. Chr. bis 300 n. Chr.) wurden Lebensmittelvorräte in Lagerhäusern aufbewahrt, deren Baustil als Vorbild für das bis heute charakteristische Aussehen des Ise-Schreins dient. Sie bestanden komplett aus Holz, standen auf Stelzen und waren mit einem Reetdach gedeckt.

Ein Gebäude auf dem Areal des Ise-Großschreins im dort typischen yuiitsu shinmei-zukuri-Baustil, der an Lagerhäuser aus der Yayoi-Zeit erinnert.
Ein Gebäude auf dem Areal des Ise-Großschreins im dort typischen yuiitsu-shinmei-zukuri-Baustil, der an Lagerhäuser aus der Yayoi-Zeit erinnert.

Diese Komponenten spielten perfekt zusammen, wenn es darum ging, die gelagerten Waren trocken zu halten. Regnete es, sog das Dach sich voll, wurde schwer und drückte von oben die Holzplanken des Hauses enger zusammen, sodass keine Feuchtigkeit ins Innere dringen konnte. War es warm, konnte die Luft zirkulieren und es kam nicht zu Staunässe oder Feuchtigkeit durch Kondensation.

Witterungsbedingt mussten die Lagerhäuser immer wieder erneuert werden. Und damit es zu keinen Übergangszeiten kam, in denen die Lebensmittel ungeschützt gewesen wären, entstand wohl eine Tradition des regelmäßigen Neubaus, die als Beispiel für die Bräuche am Ise-Schrein diente.

Dieses Bild aus 2010 – drei Jahre vor dem Neubau des Gebäudes – zeigt gut, wie die Reetdächer im Laufe der Zeit unter der Witterung leiden.
Dieses Bild aus 2010 – drei Jahre vor dem Neubau des Gebäudes – zeigt gut, wie die Reetdächer im Laufe der Zeit unter der Witterung leiden.

Symbolisch greifen sie das Gedankengut des Shintoismus aus, nachdem sich alles in einem ewigen Kreislauf befindet. Das regelmäßige Neuerrichten der Schreingebäude sorgt zugleich für Veränderung und Kontinuität.

Acht Jahre Vorbereitungszeit für den Neubau der Ise-Schreins

Insgesamt acht Jahre dauert jedes Mal die Vorbereitung für den Neubau. Allein vier davon werden für das Paräparieren des Holzes benötigt. Ausschließlich Hinoki-Scheinzypressen (hinoki 檜) kommen dafür zum Einsatz, von denen viele an die 200 Jahre alt sein müssen, um eine entsprechende Größe erreicht zu haben. Jene für das große torii am Eingang des Geländes sogar 400 Jahre alt. Ahnst du schon, dass das nicht lange gutgehen konnte? Ich komme gleich nochmal darauf zurück.

Zwei Jahre werden die gefällten Baumstämme in Wasser eingelegt, danach ein Jahr der Witterung der vier Jahreszeiten ausgesetzt und ein weiteres Jahr nimmt das Zurechtsägen in Anspruch.

Der Transport zum Schrein findet in zwei aufeinanderfolgenden Jahren im Frühling zum Okihiki-Fest (御木曳 dt.: „Holzziehen“) statt. Dabei werden die Baumstämme über den Miya-Fluss zum Äußeren Schrein gekū (外宮) und den Isuzu-Fluss zum Inneren Schrein naikū (内宮) befördert.

Endlich im Jahr des Neuafbaus findet dann das oben bereits beschriebene oshiraishi-mochi-Zeremoniell (お白石持) statt, bei dem  weiße Kieselsteine am neuen Bauplatz platziert werden. Dieser befindet sich immer direkt neben dem alten Areal.

Eine kleine Holzbox auf einer Kieselfläche markiert den zukünftigen Bauplatz eines Schreins.
Eine kleine Holzbox auf einer Kieselfläche markiert den zukünftigen Bauplatz eines Schreins.

Der ganze Brauch des Neubaus erfüllt nicht nur zeremonielle Zwecke, sondern sorgt auch dafür, dass altes Handwerkswissen an junge Generationen weitergegeben wird. Denn gebaut wird wie vor 1300 Jahren, elektrisches Werkzeug ist verboten.

Unerfahrenere Zimmermänner dürfen sich zunächst an weniger komplizierten Projekten wie der Uji-Brücke – die seit ihrer Errichtung vor 20 Jahren nur noch halb so dick ist durch die vielen Besucher, die über sie hinweggelaufen sind – versuchen, bevor sie an komplexeren Schreingebäuden mitarbeiten dürfen.

Woher kommt eigentlich all das Holz?

Jedes Mal wieder werden in etwa 10.000 hinoki-Bäume für den Neubau des Ise-jingū gebraucht. Eine Anzahl, die sich nicht lange aus den Wäldern rund um den Schrein speisen lies.

Vor allem während der Edo-Zeit (1603–1867) wurde der Forst im Umland des Schreins mehr und mehr ausgedünnt. Denn schon zu dieser Zeit kamen jährlich sieben bis neun Millionen Pilger in die Präfektur Mie, um den Ise-Großschrein zu besuchen. Das sind in etwas gleich viele Besucher wie heutzutage. Und sie alle benötigten Feuerholz für den mehrtägigen Aufenthalt in der Gegend.

Ich habe Ise-jingū mittlerweile zwei Mal besucht und dabei jeweils komplett neue Gebäude gesehen, da ich einmal vor und einmal nach 2013 dort war.
Ich habe Ise-jingū mittlerweile zwei Mal besucht und dabei jeweils komplett neue Gebäude gesehen, da ich einmal vor und einmal nach 2013 dort war.

Langer Rede kurzer Sinn: schon seit dem 14. Jahrhundert musste Holz aus anderen Teilen des Landes nach Ise transportiert werden. Das ist auch bis heute so geblieben.

Nur einigen vorausschauenden Priestern ist es zu verdanken, dass das Holz für den Neubau in Zukunft wieder aus Schrein-eigenen Beständen erfolgen können wird. Während der Taishō-Periode (1912–1926) startete ein Aufforstungsprojekt, das auf 200 Jahre ausgelegt war. Doch auch schon beim letzten Neubau 2013 konnten 20 % aus lokalen Ressourcen verwendet werden. Ein voller Erfolg! (Ähnliche Bestrebungen gibt es zur Sicherung der Holzvorräte für das große Tor vor der heiligen Insel Miyajima.)

Was passiert mit dem alten Schrein, nachdem ein neuer gebaut wurde?

Was mich zu dem Thema bringt, was eigentlich mit den alten, nicht mehr benötigten Schrein-Gebäuden passiert. Auch hier hat ein Umdenken zu nachhaltigeren Praktiken stattgefunden. Während die Konstruktionen früher einfach verrotteten, werden sie heute recycelt.

Zwei besonders große Säulen werden zum neuen Schreintor, das Besucher nach überqueren der Uji-Brücke durchschreiten. Nach weiteren zwanzig Jahren wird dieses Holz dann wiederum für andere, kleinere torii auf dem Gelände verwendet.

Ein torii am Ise-Schrein.
Weiß man, welcher Aufwand am Ise-Schrein alle 20 Jahre betrieben wird, sieht man die einzelnen Bestandteile mit ganz anderen Augen.

Auch die anderen Balken und Bretter kommen weiter zum Einsatz. Und zwar bei Schreinen über ganz Japan verteilt, an denen Reparaturen nötig sind. So wird nicht nur Verschwendung vermieden, sondern auch das Verhältnis anderer shintō-Schreine zum Ise-jingū gefestigt.

Die Zeiten ändern sich, auch am Großschrein von Ise

Ist alles vorbereitet, sind alle Gebäude, Brücken und Tore neu errichtet, ist es Zeit für die Gottheiten umzuziehen. Diese Rituale sind eigentlich nur bestimmten Augen vorbehalten.

2013 durften zum ersten Mal Vertreter anderer Weltreligionen den heiligen Zeremonien beiwohnen. Ein absolutes Novum und ein Hinweis auf eine Neuausrichtung des shintō, der sich nicht mehr nur als exklusiv japanische Religion sieht.

Circa 425 Millionen Euro hat der Neuaufbau 2013 gekostet. Davon kamen 3/5 aus der Kasse des Schreins und 2/5 von privaten Spendern. Alles Peanuts im Vergleich zum neuen Berliner Flughafen. 😜 Der hält allerdings hoffentlich länger als 20 Jahre.

Quellen und weiterführende Links

Wikipedia: Ise Grand Shrine

Wikipedia: 神宮式年遷宮 (jap.)

Japan for Sustainability: Rebuilding Every 20 Years Renders Sanctuaries Eternal — the Sengu Ceremony at Jingu Shrine in Ise

Smithsonian: This Japanese Shrine Has Been Torn Down And Rebuilt Every 20 Years for the Past Millennium

Independent: History in the making: An unprecedented visit to Ise Jingu, Japan’s holiest shrine, to see it rebuilt under the beliefs of the Shinto religion

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Kategorien Alltägliches

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Ich bin Elisa, Japan ist meine große Liebe und hier erzähle ich davon. Meine Japanreisen 2019: im Mai war ich zweieinhalb Wochen an der San-in Küste, im November auf Shikoku. What's next?

2 Kommentare zu “Der Schrein in Japan, der alle 20 Jahre neu gebaut wird

  1. Claudia Schneider

    Wie immer liebe ich deine tollen Berichte und lese diese mit großer Freude!
    Sehe interessant geschrieben. Vielen Dank!

    • Liebe Claudia,
      ich danke dir so sehr für dieses tolle Feedback!

      Der Artikel hat mir auch großen Spaß gemacht. Ise ist wirklich ein magischer Ort für mich und ich finde es faszinierend, wie seit so langer Zeit die alten Traditionen erhalten und weitergegeben werden.

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