Postkartenmotiv: die Yasaka-Pagode in Higashiyama, Kyōto.

Hat Japan ein Übertourismus-Problem?

Bei jeder Tour, die ich führe, freue ich mich am wenigsten auf Kyōto. Das mag verrückt klingen, fängt doch keine Stadt so das westliche Traumbild vom nostalgischen Japan ein wie die alte Kaiserstadt. Tempel und Schreine, wohin man schaut, Geisha-Schülerinnen, die abends durch die von Laternen erhellten Gassen huschen, Rikschafahrer, die mit ihren Fahrgästen lockere Konversation betreiben … doch durch all das schieben sich jährlich über 50 Millionen Touristen. Kann Kyōto das stemmen? Gerade noch so. Aber angenehm ist es schon lange nicht mehr. Für niemanden, weder Einhemische noch Besucher. Aber was heißt das für dich und deine Japanreise?

Woher kommen all die Touristen?

Früher war Japan exotisch, teuer und durch die Sprachbarriere schwer zu bereisen. Das hat sich in den letzten 20 Jahren jedoch geändert. Solange man Englisch lesen kann, sind zum Beispiel das Bahnsystem, Busse und Bahn in den größeren Städten wunderbar zu benutzen. Auch viele Restaurantketten bieten Speisekarten und Bestellmöglichkeiten auf Englisch. Museen fügen ihren Ausstellungen Infos in Form von Text oder Audiogudies in anderen Sprachen hinzu.

Auch Social Media und YouTube wie ich tragen natürlich einen großen Teil dazu bei, dass Japan attraktiv als Reisedestination geworden ist. Ganz davon zu schweigen, dass Anime und Manga Japan generell als Hobby salonfähig gemacht haben. Japan ist Trend.

Untermauert wird dies durch das Land selbst selbst. Japan will und braucht den Tourismus. Gerade jetzt, wo der Yen so schwach ist und die Kaufkraft im eigenen Land massiv geschwächt ist. Die großen Zeiten des Inlandstourismus sind lange vorbei und ausländische Touristen sollen die Lücken füllen.

2010 hatte Japan noch um die 6 Millionen ausländsiche Touristen pro Jahr. Mittlerweile sind wir bei 36 Millionen. Japans erklärtes Ziel sind 60 Millionen!

Obwohl Mitte Januar keine typische Reisesaison ist, schoben sich zu Jahresbeginn 2018 Menschenmassen durch die roten Schreintore des Fushimi Inari Taisha Schreins in Kyōto.
Obwohl Mitte Januar keine typische Reisesaison ist, schoben sich zu Jahresbeginn 2018 Menschenmassen durch die roten Schreintore des Fushimi Inari Taisha Schreins in Kyōto. Heute sieht es nicht anders aus.

Was ist das größte Problem?

Womit Japan bei all den Inbound-Tourismus-Kampagnen nicht gerechnet hat: dass alle immer an die selben Orte fahren und die gleichen Sehenswürdigkeiten sehen möchten. Von Japans 47 Präfekturen konzentriert sich der Großteil der Besucher auf gerade einmal 10 davon. Geprägt wurde dadurch der Begriff „Goldene Route“, was die Strecke Tōkyō über Kyōto und Ōsaka bis nach Hiroshima beschreibt.

Jetzt ist es nicht einmal so, dass die genannten Städte komplett voll sind. Auch dort sind es dann nur ausgewählte Hot Spots, an denen man sich gegenseitig auf die Füße tritt. Erst gestern habe ich das wieder gesehen. Am Goldenen Pavillon in Kyōto Menschenmassen, danach drei Bushaltestellen weiter am Daitoku-ji-Tempel außer uns fast niemand. Es ist absurd.

Der Effekt mit den bekannten Sehenswürdigkeiten ist selbstverstärkend. Je mehr Leute hinfahren und Fotos davon posten, umso mehr andere wollen auch genau dorthin. KI radiert im Zweifel alle Störfaktoren inkl. Touristen aus dem Foto oder man wählt einen anderen Ausschnitt, wie ich beim Titelbild zu diesem Artikel. Es entsteht ein romantisiertes Bild.

Eine ganze Traube Besucher versucht am Kinkaku-ji das perfekte Bild zu schießen.
Eine ganze Traube Besucher versucht am Kinkaku-ji das perfekte Bild zu schießen.

Kann man noch nach Japan reisen?

Nun geistert neuerdings die Aussage durch Social Media, 2025 wäre das letzte Jahr in dem man noch nah Japan reisen könne. Danach sei es „zerstört“ und nur noch eine reine Touristenfalle. Puh, da kann ich nur den Kopf schütteln.

Ein Körnchen Wahrheit steckst natürlich insofern in der Aussage, als dass die vielbesuchten Orte sich verändern. Die Läden mit günstigen (und ehem, kitschigen) Souvenirs werden mehr, ebenso die Müllberge. An jeder Ecke kann man sich für ein paar Stunden in einen Kimono kleiden lassen und ein Starbucks ist nie weiter als 250 Meter entfernt.

Einfach nur traurig ist die Menge an Hinweisschildern, die man mittlerweile sieht. Hier bitte nicht anfassen, dort nicht klettern, nichts zerstören, Respekt an religiösen und historischen Stätten zeigen. Alles Selbtsverständlichkeiten für mich. Die Schilder jedoch zeigen, dass das nicht für jeden so ist. Wenn ich lese, dass jemand Videos postet, wie er oder sie Klimmzüge am Schreintor macht oder seine Initialen in Bambus ritzen muss, werde ich regelrecht wütend.

Japan ist dennoch nicht „zerstört“. Du kannst weiterhin guten Gewissens deine Traumreise planen. Und viel dazu beitragen, dass erstens Japan nicht unter dem Massentourismus kollabiert und zweitens deine Reise ein einmaliges Erlebnis wird.

Die Menschenmassen trotzen dem Wetter in Arashiyama. Auf dem Gehsteig ist längst nicht mehr genug Platz für alle.
Die Menschenmassen trotzen dem Wetter in Arashiyama. Auf dem Gehsteig ist längst nicht mehr genug Platz für alle.

Wie soll deine Japanreise aussehen?

Jetzt könnte ich natürlich sagen: mach einen Bogen um die „Goldene Route“. Fahr nicht nach Kyōto. Schau dir nicht das rote Torii im Wasser vor Miyajima an.

Aber seien wir mal ehrlich, dass ist doch erstens Quatsch, dir von den nicht zu unrecht so gern besuchten Highlights abzuraten, und auch völlig unrealistisch, dass du bei deiner ersten Japanreise Kyōto, Tōkyō, Ōsaka und Hiroshima außen vor lässt. Gehört schließlich alles zum Erlebnis dazu.

Aber ich möchte an dich appelieren, dich vorher gut zu informieren. Überlege dir, ob es dir nur darum geht, eine Bucket List abzuarbeiten, oder geht es zum Beispiel darum einen Bambuswald oder einen großen Buddha zu sehen. Dann gibt es nämlich immer auch Alternativen. Schmökere in Reiseführern (oder meinem Buch) für Inspiration, schaue auf Social Media nach „off the beaten path“-Zielen. Wage dich für einen Teil des Urlaubs in den Norden nach Tōhoku, runter in Richtung Kyūshū oder auf die kleinste Hauptinsel Shikoku. Selbst kleine Abstecher von der „Goldenen Route“ und deren Attraktionen lassen dich Japan ganz anders erleben. Ohne Touristenmassen.

Mache dir bitte auch klar, dass du Gast in einem Land sein wirst, mit allen Rechten und Pflichten, die dieses Wort mit sich bringt. Dir wird dort mit so viel Höflichkeit und Gastfreundschaft begegnet werden wie sonst nirgends. Es gibt aber auch viele (ungeschriebene) Verhaltensregeln, die anders sind als bei uns, jedoch mit ein wenig Vorbereitung, Aufmerksamkeit und Rücksicht schnell erfasst und erlernt werden. Und am Ende wirst du es vermutlich lieben, dass das Einsteigen beim Zug reibungslos in wenigen Momenten erfolgt. Oder man nicht Glück haben muss, an welcher Kasse man ansteht, sondern es eine Schlange gibt und immer die vorderste wartende Person die nächste freie bekommt. Dass Koffer zum nächsten Hotel vorausschicken nicht lästig ist, sondern sowas von bequem.

Fazit

Japan hat kein Übertourismus-Problem, sondern ein „zu viele Touristen kondensiert an wenigen Orten“-Problem. Und wenn du vorab weißt, dass es so ist, kannst du dazu beihelfen, es zu verringern und auch deine Reise zu einem besseren Erlebnis machen. Für dich und dein Gastgeberland.

Quellen und weiterführende Links

Kyoto city Official Travel Guide: A Data-Based Look at Kyoto Tourism Before and After COVID


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1 Kommentar zu “Hat Japan ein Übertourismus-Problem?

  1. Bernhard Michael

    Hallo Elisa, gute Gedanken zum Reisen und Verhalten in Japan. Nicht zu vergessen das es teurer wird in der Zukunft (Japan Rail Pass – Tourismus Steuer) und eingeschränkter Zugang zu einigen Attraktionen.
    Gutes gelingen bei deiner nächsten Reise 👍

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