Hunderte rote Tore (jap. torii) säumen den Weg zur Spitze des Inari Bergs am Fushimi Inari Taisha Schrein in Kyōto.

Overtourism – Übertourismus in Japan

Das Bild der Woche zeigt einen kleinen Ausschnitt der hunderten roten torii des Fushimi Inari Taisha Schreins in Kyōto. Ein Foto, wie es wirklich in jeden Japan-Kalender muss. Und zeitgleich eines, wie man es nur noch mit viel Glück, noch mehr Geduld und einem schnellen Finger auf dem Auslöser schießen kann. Denn Kyōto ist aktuell eines der beliebtesten Reiseziele Japans, mit exponentiell nach oben gehenden Besucherzahlen. Tendenz unaufhaltsam steigend. Was dieser Übertourismus, oder Overtourism wie man es auf Englisch nennt, mit Kyōto und ganz Japan macht und welche Auswirkungen das wiederum für dich als Tourist hat, darum soll und muss es heute gehen.

Japans Tourismusboom

Vor zehn Jahren, in 2010, besuchten insgesamt 8.611.175 Ausländer Japan, knapp über 6 Millionen davon als Touristen. 124.360 davon waren Deutsche. (Quelle: Japan National Tourism Organization)

Während sich die Anzahl der deutschen Touristen seitdem nur knapp verdoppelt hat, sprechen wir insgesamt von einer Verfünffachung, wenn die von Premierminister Shinzō Abe angestrebten 40 Millionen Besucher 2020 tatsächlich ins Land des Lächelns strömen. 2019 waren es immerhin schon rund 32 Millionen, die zusätzlichen 8 Millionen in 2020 verspricht man sich durch die Olympischen Sommerspiele. (Quelle: https://www.tourism.jp/en/tourism-database/stats/inbound)

Dabei muss man sagen, dass Japan generell ein Land des Tourismus ist. Denn keiner bereist das Land so gerne wie die Japaner selbst. Neujahr, verlängerte Wochenenden, die arbeitsfreie Golden Week im Mai…jede Gelegenheit wird genutzt, ein schönes Onsen-Städtchen, einen tollen Schrein oder Tempel oder gar die Okinawa Inseln ganz im Süden, oder Hokkaidō im Norden zu besuchen.

Im Herbst 2014 war Japan als Reiseland erst im Kommen und man hatte entspannt Zeit, am Fushimi Inari Taisha Schrein Fotos der schönen roten torii zu schießen.
Im Herbst 2014 war Japan als Reiseland erst im Kommen und man hatte entspannt Zeit, am Fushimi Inari Taisha Schrein Fotos der schönen roten torii zu schießen.

Die erste Touristeninfo entstand 1927 am Bahnhof von Kyōto. Heute findet man sie fast an jedem bemannten Bahnhof, sei der Ort für uns Europäer noch so unbekannt, unscheinbar oder klein. Die glorreichen, prunkvollen Zeiten des Inlandstourismus sind zwar durch die schlechte Wirtschaftslage des Landes seit den 1990er Jahren längst vorbei, dennoch sind viele Städte mit Tourismus vertraut und halten die entsprechenden Informationen und passende Infrastruktur für Besucher bereit. Allerdings nicht für 40 Millionen zusätzliche Touristen im Jahr.

Kyōto ist für mich kein empfehlenswertes Reiseziel mehr

An Kyōto zu denken, bereitet mit mittlerweile Unbehagen. Wenn Freunde oder Bekannte mich um Rat für eine mögliche Reiseroute für einen ersten Japanbesuch fragen, sage ich ganz ehrlich, dass ich es momentan nicht guten Gewissens empfehlen kann, Kyōto zu besuchen.

Das hat zwei Gründe: Erstens macht es keinen Spaß, sich durch die Menschenmassen zu wühlen und kaum noch etwas von Kyōtos Schönheit zu sehen. Der Fushimi Inari Taisha ist da nur ein berühmtes Beispiel. Ich besuchte den Schrein im Oktober 2014 (der Herbst ist mittlerweile neben der Kirschblüte die Hauptreisezeit für Japan) und konnte entspannt Fotos der schönen Holztore schießen. Mitte Januar 2018, also im Winter und somit in der Off-Peak-Season, war an Fotos nicht zu denken. Ich musste mich mich kaum selbst bewegen, um vom Fleck zu kommen. Die Massen an Menschen trugen einen mit sich fort. Akute Ellenbogen- und Rucksack-Rammgefahr.

Den UNESCO Weltkultuerbe Schrein Jishu Jinja habe ich besucht, kann mich aber kaum daran erinnern, weil ich vor lauter Touristen nichts vom Schrein selbst gesehen habe. Nicht weniger Leute drängen sich daneben auf dem berühmten Balkon des Kiyomizudera Tempels. Von religiöser Atmosphäre ist dort nichts mehr zu spüren.

Schon seit vielen Jahren ist der UNESCO Weltkulturerbe Tempel Kiyomizudera in Kyōto mit seiner Holz-Stelzen-Konstruktion ein Touristenmagnet.
Schon seit vielen Jahren ist der UNESCO Weltkulturerbe Tempel Kiyomizudera in Kyōto mit seiner Holz-Stelzen-Konstruktion ein Touristenmagnet.

Sich als Tourist über andere Touristen zu beschweren, klingt recht inkonsequent und nach Jammern auf hohem Niveau. Was ich damit aber sagen möchte ist, dass der Besuch der alten Kaiserstadt fast nur noch den Zweck eines Hakens auf der Japan-Bucketliste erfüllt. Spaß machen die Haupt-Touristenattraktionen jedenfalls schon seit Jahren nicht mehr. Vor allem der Weg dazwischen. Denn Kyōtos öffentliches Nahverkehrssystem, das sich fast rein auf Busse stützt, ist heillos ausgelastet.

Und dann ist da noch die andere und weit wichtigere Seite der Medaille: Welche Auswirkungen hat dieser Massentourismus auf die Einwohner der Stadt?

Kyōto und der Übertourismus

Kyōto zählte 2018 insgesamt 52 Millionen Besucher. Etwa ein Drittel davon bleibt dabei mindestens eine Nacht, der Rest besteht aus Tagesbesuchern. Die Tourismusbehörde der Stadt sieht diese Zahlen mit Wohlwollen, nicht jedoch, dass der Anteil der inländischen Touristen um jährlich 7 Millionen seit 2015 gesunken ist. Die Japaner selbst meiden ihre alte Kaiserstadt wegen der ausländischen Touristen.

Die Einwohner von Kyōto selbst ziehen dabei den Kürzeren, denn sie können nicht ihre eigene Stadt meiden, bis der Boom wieder vorüber ist. Sie sehen sich konfrontiert mit vollen Bussen und U-Bahnen und Menschenmassen an Orten des täglichen Lebens wie dem Nishiki Markt. Die Händler dort leiden darunter, dass Touristen, wenn überhaupt, Einmalkäufer sind und die regelmäßige, einheimische Kundschaft die Markthallen mittlerweile wegen der vielen Touristen nicht mehr aufsucht.

Obwohl Mitte Januar keine typische Reisesaison ist, schoben sich zu Jahresbeginn 2018 Menschenmassen durch die roten Schreintore des Fushimi Inari Taisha Schreins in Kyōto.
Obwohl Mitte Januar keine typische Reisesaison ist, schoben sich zu Jahresbeginn 2018 Menschenmassen durch die roten Schreintore des Fushimi Inari Taisha Schreins in Kyōto.

Die vielen Touristen ziehen auch einen Hotelboom nach sich, was die Grundstückspreise in Kyōto mittlerweile zu den teuersten in ganzen Japan macht. Junge japanische Familien sind gezwungen aufs Land zu ziehen, um sich eine Bleibe leisten zu können. Kein Wunder, dass Kyōto stark gegen sogenannte minpaku 民泊 vorgeht. Also Unterkünfte in Wohngegenden, die über Plattformen wie AirBnB tage- und teils zimmerweise an Touristen vermietet werden. Wie überall auf der Welt wird durch diese Wohnraum blockiert. Ganz zu schweigen von der Belästigung, die dadurch regulären Anwohnern entsteht. Tag und Nacht rattern An- und Abreisende mit Rollkoffern über den Gehsteig, auf der Suche nach der Unterkunft werden falsche Klingeln betätigt, die Anonymität der Fremde führt zu völliger Hemmungslosigkeit, was Lautstärke und Sauberkeit angeht.

Respektvolles Reisen

Selbstverständlich verhält sich nicht jeder Tourist rücksichtslos, laut und von jeder Vernunft befreit, wenn es um den perfekten Instagram-Shot geht. Aber mehr Touristen heißt anteilig mehr der beschriebenen Sorte, die es leider nun mal auch gibt.

So kommt es, dass in Nara im Bauch eines toten Rehs 4kg Plastikmüll gefunden wurden, obwohl es streng verboten ist, den Tieren etwas anderes zu füttern als die vor Ort verkauften, speziellen Reiscracker. (Mehr über Naras Hirsche und das Tourismus-Problem kannst du auf The Hangry Stories lesen)

Dass in Kyōto Geishas und Anwärterinnen keinen Schritt mehr tun können, ohne ungefragt fotografiert und sogar angefasst zu werden. Ganz zu schweigen vom Vandalismus, der dadurch entsteht, dass Namen und „Ich war hier!“-Botschaften in den Bambus des berühmten Waldes in Arashiyama geritzt werden.

Traurige Realität: Die Stadt Kyōto musste Verbotsschilder aufstellen, um darauf hinzuweisen, dass es verboten ist Geishas ohne Erlaubnis anzufassen. (Foto: Kyle Taylor auf Flickr https://www.flickr.com/photos/kyletaylor/26434825106)
Traurige Realität: Die Stadt Kyōto musste Verbotsschilder aufstellen, um darauf hinzuweisen, dass es verboten ist, Geishas ohne Erlaubnis anzufassen. (Foto: Kyle Taylor auf Flickr)

Oder dass das ikonische rote Schreintor vor der heiligen Insel Miyajima dringend restauriert werden musste (und gerade wird), weil es nicht mehr nur dem normalen Verfall durch die Gezeiten ausgesetzt ist, sondern Touristen anfingen, Münzen als Glücksbringer ins Holz der Torstützen zu rammen.

Und dass ich als einzige westliche Touristin in der Kleinstadt Tamatsukuri Onsen mit einem Japaner ins Gespräch kam, der erst ganz begeistert war, mit einer Deutschen zu sprechen, bis das Gespräch irgendwann umschlug und er sich über die vielen Touristen beschwerte, die überall ihren Müll hinterlassen. Und das ausgerechnet in Japan, dem Land, das so auf Mülltrennung und Sauberkeit bedacht ist. Irgendwann tätschelte seine Frau ihn am Arm und bemerkte sanft „Ich glaube, du beschwerst dich bei der falschen Person.“

Was heißt das für deine Japanreise?

Elisa, willst du mir sagen, ich kann jetzt nicht nach Japan, weil es schon zu voll ist? – Nein, das möchte ich nicht. Japan ist mein Leben und meine Liebe und ich hoffe viele Leute sehen dieses tolle Land. Allerdings mit Verstand und Respekt.

Respekt ist für mich die oberste Devise beim Reisen. Es ist nun mal nicht okay, kurz etwas unangebrachtes oder gar verbotenes zu tun. Auch nicht nur schnell für das eine klitzekleine Foto. Es ist nicht okay, seinen Müll liegen zu lassen oder laut zu sein, weil einen ja eh niemand kennt oder nicht versteht. Lass deinen Selfie-Stick und deine Drohne zu Hause. Sie haben auf deiner Japanreise nichts verloren (und sind sowieso so gut wie überall verboten).

Und Kyōto? Wenn du nur einmal im Leben nach Japan kommen wirst und Kyōto deshalb selbstverständlich unbedingt gesehen haben möchtest, versuche flexibel zu sein und alternativ zu denken. Oft hilft es früh oder spätabends unterwegs zu sein, um nicht mit den Massen durch die Gassen zu pulsieren. Vermeide Wochenenden und Feiertage, leih dir ein Rad und gehe auf Entdeckungsreise abseits der Top 5 der Stadt. Es gibt so viele kleine Schreine und Tempel zu entdecken. Lass am Inari Berg die roten torii links liegen und nimm einen anderen Weg den Berg hoch. Es lohnt sich, denn auch dort erwarten dich Schreine, Fuchsstatuen, Schreintore und Bambushaine obendrein. Nur anderen Touristen begegnest du wenig.

Manchmal hilft es, ein wenig Abseits der normalen Wege zu gehen, um den Touristenmassen zu entgehen. Die alternativen Wanderwege zur Spitze des Inari Bergs in Kyōto sind mein Geheimtipp für den überlaufenen Fushimi Inari Taisha Schrein.
Manchmal hilft es, ein wenig Abseits der normalen Wege zu gehen, um den Touristenmassen zu entgehen. Die alternativen Wanderwege zur Spitze des Inari Bergs in Kyōto sind mein Geheimtipp für den überlaufenen Fushimi Inari Taisha Schrein.

Und wenn du Japan wirklich sehen willst, um das Land und seine Leute kennenzulernen, dann mach einen Bogen um Kyōto und trau dich andere Pfade zu beschreiten. Geh wandern auf der Izu-Halbinsel, verbring eine Woche in Okayama und mach kleine Tagesausflüge von dort aus, schau dir in zwei bis drei Wochen intensiv die Präfekturen Yamaguchi, Shimane und Tottori entlang der wundervollen San-in-Küste an. Leih dir einen Campervan und bereise den Norden der Hauptinsel Honshū oder mach vier Wochen eine Rundreise um Shikoku.

Wie ich wirst du dich in Japan verlieben und froh sein, die echte Seele dieses Landes kennenzulernen. Und nicht nur die Highlights von anderer Leute Instagram Accounts. Das hat Japan verdient. Und du auch!

Quellen und weiterführende Links

Kyoto and the Peril of Overtourism: Interview with Mayoral Candidate Murayama Shōei | Nippon.com

Overtourism in Japan: Becoming A Victim of its Own Success?

Kategorien Reisen
Elisa

über

Ich bin Elisa, Japan ist meine große Liebe und hier erzähle ich davon. Meine Japanreisen 2019: im Mai war ich zweieinhalb Wochen an der San-in Küste, im November auf Shikoku. What's next?

1 Kommentar zu “Overtourism – Übertourismus in Japan

  1. Was für ein schöner und notwendiger Beitrag! Ich kann ihn aus vollem Herzen unterschreiben. Wir waren mit unseren Kindern zweimal in Japan und haben die „Must sees“, also Kyoto oder Nara, fast alle weggelassen. In Kyoto waren wir für eine Nacht auf einem Parkplatz und haben dort abends den Fushimi Inari besucht (ziemlich leer ;-)), sind dann nach Ansicht der Menschenmassen im Nishiki Market und im Arashiyama schnell nach Shikoku weitergefahren.
    Bei unserer zweiten Reise ging es uns ähnlich – erst Tourismus-Schock in Nikko, dann drei Wochen fast komplette Einsamkeit in Tohoku. Wenn sich die Menschen nur nicht so blindlings auf „Muss man gesehen haben“-Instagrambilder und austauschbare Reiseberichte stürzen würden… Was ist der Sinn dabei, genau denselben Schnappschuss zu machen, den schon tausende andere gemacht haben? Dasselbe zu erleben, das auch alle anderen erlebt haben – um dann sagen zu können „Kenne ich auch“??
    Wenn sich diese grundlegende Mentalität nicht ändert – und die beobachte ich leider in allen Ländern -, dann wird Reisen in wenigen Jahren keinen Spaß mehr machen.
    Es ist jetzt an den Destinationen, ganz strikte Einschränkungen zu treffen und Touristen auch einfach nicht mehr reinzulassen, finde ich. Besucherverbote und hohe Preise, andere Möglichkeiten sehe ich nicht, um diesem gedankenlosen Ansturm Herr zu werden und die einheimische Bevölkerung zu „retten“.

    Liebe Grüße
    Jenny

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