Eine traditionelle Kochstelle in einem alten Bauernhaus im „Shikoku Mura“-Freilichtmuseum in Takamatsu.

3 typische Elemente traditioneller japanischer Häuser

„Dort bitte nicht hinsetzen“, erklärt der Herr, der heute im japanischen Teehaus in München eine Zeremonie leiten wird, und deutet auf die Schmucknische im hinteren Teil des Raums. Es sind viele Interessierte gekommen und auf den Bänken wird es eng. Jemand dachte, er hätte überraschend einen besonders geräumigen Platz gefunden und weiß bis zu dem verbalen Hinweis nicht, dass er gerade einen großen Fauxpas begeht. Denn in die tokonoma-Schmucknische, einem klassischen Element traditioneller japanischer Häuser, setzt man sich nicht. Man betrachtet sie.

Damit dir so etwas während deiner Japanreise nicht passiert, erzähle ich dir heute ein bisschen davon. Und stelle zwei weitere, typische Elemente eines traditionellen japanischen Hauses vor.

tokonoma – eine Schmucknische für Kunst

Eine tokonoma-Schmucknische im Tenryū-ji-Tempel in Kyōto.
Eine tokonoma-Schmucknische im Tenryū-ji-Tempel in Kyōto.

Eine tokonoma-Schmucknische (床の間, dt. wortwörtlich „Bettnische“) ist ein dekorierter Alkoven, der sich für gewöhnlich in einem mit Reisstrohmatten ausgelegtem Raum befindet. In ihm befinden sich zum Beispiel ein ikebana-Blumengesteck und eine Wandrolle mit einer Kalligraphie oder Zeichnung. Auch andere Kunstgegenstände wie handgetöpferte Keramik sind typisch für tokonoma.

Der ranghöchste Besucher des Hauses wird traditionell direkt mit dem Rücken zur Schmucknische platziert. Dadurch wird ihm die Ehre erwiesen, in der Nähe der tokonoma sitzen zu dürfen. Zeitgleich wäre es aber angeberisch, ihn darauf blicken zu lassen.

Die Nische betreten oder sich gar hinein zu setzen ist tabu.

Ich finde die Idee spannend, dass etwas, das gezielt nur dazu dient, den Betrachter zu erfreuen, ein Standardelement in einem japanischen Wohnhaus ist.

tokonoma-Schmucknischen sind bis heute gängig. Nicht in jeder Wohnung, doch in gehobenerem Ambiente mit den erwähnten tatami-Matten – also zum Beispiel in traditionellen Gasthäusern oder Tempeln – wirst du durchaus tokonoma zu sehen bekommen.

shōji – Türen aus Papier

Ein Raum mit Reisstrohmatten und shōji-Schiebetüren mit Papier bespannt.
Ein Raum mit Reisstrohmatten und shōji-Schiebetüren mit Papier bespannt.

Die Grundidee eines japanischen Hauses unterscheidet sich grundlegend von der europäischer Bauten. Die Raumaufteilung ist durch Schiebetüren flexibel, viele Aktivitäten finden in Bodennähe statt und vor allem das Licht spielt eine große Rolle. Dieses nimmt eine ganz besondere Farbe an durch shōji-Türen (障子), also mit Papier bespannte Holzrahmen.

Türen aus Papier, wie soll das funktionieren? Tatsächlich bieten shōji wie zu erwarten wenig Schutz vor Kälte und Lärm. Dies ist aber auch nicht ihre Funktion. 

Sie filtern das Licht und bieten einen Rahmen für Privatsphäre. Kunstvolle Muster haben einen ganz besonderen Einfluss auf die Stimmung im Raum. Es entsteht ein Spiel aus Licht und Schatten, das sich stetig verändert.

Diese Schiebetür mit Reispapier ist zusätzlich mit kunstvollen Flaschenkürbis-Schnitzereien geschmückt.
Diese Schiebetür mit Reispapier ist zusätzlich mit kunstvollen Flaschenkürbis-Schnitzereien geschmückt.

Da das Papier sehr empfindlich ist, bilden die shōji nicht die Außenwand des Hauses, beziehungsweise werden von einem weit überstehenden Dachvorsprung gegen Wind und Wetter geschützt. Alternativ gibt es auch extra Holzverschläge, die eine ähnliche Funktion wie unseren Fensterläden übernehmen.

Diese Fensterläden schützen die empfindlichen Reispapiertüren vor Wind und Wetter.
Diese Fensterläden schützen die empfindlichen Reispapiertüren vor Wind und Wetter.

Das Papier sollte jährlich gewechselt werden, was sehr aufwendig und kostspielig ist. Deshalb kommen in modernen Häusern mit traditionellen Elementen of laminiertes Papier oder sogar Glasscheiben als Schutz zum Einsatz.

irori – eine offene Kochstelle als Zentrum des Hauses

Eine Kochstelle in einem traditionellen Haus im Iya-Tal auf Shikoku, das heute ein Museum beherbergt.
Eine Kochstelle in einem traditionellen Haus im Iya-Tal auf Shikoku, das heute ein Museum beherbergt.

Dass Menschen eine ganz besondere Verbindung zum Feuer haben, zeigt sich am Beispiel der traditionellen Kochstelle in alten japanischen Häusern. Oft inmitten der Reisstrohmatten gibt es eine viereckige Vertiefung, die mit Sand und Asche gefüllt ist. Darüber hängt an einer Konstruktion aus einem Stahlhaken und einem umschließenden Bambusrohr ein Topf, der sich in der Höhe verstellen lässt.

irori (囲炉裏) wird diese Kochstelle genannt und sie bildete früher das Zentrum des Hauses. Das Feuer erwärmte den Raum, der Rauch konservierte Balken und Dach, hier wurde gekocht, gegessen, Kleidung und Lebensmittel getrocknet.

Je nach Art des Hauses (gab es eine Öffnung im Dach für aufsteigenden Rauch?) und Einkommen der Leute wurde der irori entweder mit Holz (billig und leicht zu beschaffen, Rauchentwicklung) oder Kohle (teuer oder langwierig in der Herstellung, aber dafür nahezu rauchfrei) befeuert.

Der Haken, an dem der Topf über traditionellen japanischen Kochstellen hängt, ist oft mit einem Fisch verziert.
Der Haken, an dem der Topf über traditionellen japanischen Kochstellen hängt, ist oft mit einem Fisch verziert.

Ganz klar, in modernen Häusern ist diese Art Kochstelle durch moderne Gasherde abgelöst worden. Dennoch überlebt die Tradition. Zum einen in Teehäusern, wo es bis heute oft eine kleine Variante davon gibt, um das Wasser für die Teezeremonie zu erhitzen. Zum anderen in Form des kotatsu, eines Tisches mit Heizeinheit und dicker Futondecke, unter der man sich im kalten japanischen Winter die Beine wärmen kann, und um den sich oft während der kühlen Monate das Familienleben abspielt.


Über traditionelle japanische Häuser gibt es natürlich noch viel mehr zu erzählen. Aber wenn du nun bei deiner Japanreise zum Beispiel in einem Freiluftmuseum einen Blick in ein Gebäude dieser Art werfen kannst oder gar einen Teezeremonie miterlebst, verstehst du ein paar der Elemente dort besser. Und setzt dich auf keinen Fall in die Schmucknische, okay?

Quellen und weiterführende Links

Wikipedia: Tokonoma
Wikipedia: Shōji
Wikipedia: Irori
Live Japan: Life in Traditional Japanese Houses – 12 Clever Design Secrets of Homes in Japan! (engl.)

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Kategorien Alltägliches

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Ich bin Elisa, Japan ist meine große Liebe und hier erzähle ich davon. Meine Japanreisen 2019: im Mai war ich zweieinhalb Wochen an der San-in Küste, im November auf Shikoku. What's next?

2 Kommentare zu “3 typische Elemente traditioneller japanischer Häuser

  1. Guten morgen!
    Da ich bisher nur einmal in Japab war und das als Touri ohne Sprachkenntnisse, um mich mit den Leuten unterhalten oder gar anfreunden zu können:
    Welchen Eindruck hast du den von den modernen Wohnhäusern? Gibt es noch die Angaben der Wohnungsgröße in Tatami? Wird Tatami nich gern benutzt? Wer schläft noch auf Futons? In Mangas und japanischen Filmen kommen mir diese Elemente auch immer seltener unter so wie auch das traditionelle Badehaus. Sterben diese Elemente auch langsam aus oder gibt es da auch noch ein Bewusstsein für? Wir hatten damals in einem Ryokan auf Futons geschlafen – ich hatte immer Probleme in Hotelbetten schnell einzuschlafen, aber da ging das ohne Probleme. Auch meine Mutter, die mit war und unter Rückenschmerzen litt, hatte erstaunlicher Weise gar keine Probleme. Hätte ich zu viel Geld würde ich lieber auf Tatamiboden mit Futon schlafen. Oder wie greift man in Japan Futons auf? Sind die noch gleichwertig mit Betten oder sind Futons eher ein Zeichen für wenig Geld, vorsichtig ausgedrückt.
    Ich freu mich auf eine mögliche Antworten in einem neuen Blogeintrag, oder privat(?)! :D

    • Liebe Rivka,
      das waren viele Fragen 🙃 Vielleicht mache ich aus der Antwort tatsächlich einen Blogartikel. Ich danke dir für den Input.
      Alles Liebe, Elisa

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