origami-Kugeln neben hübschen ema-Wunschtafeln am Warei-Schrein, Uwajima.

kusudama – was haben origami-Bälle mit Medizin zu tun?

Mit dem Bild der Woche verhält es sich manchmal so: bereits wenn ich das Bild für den Japanliebe-Kalender auswähle, mache ich mir so meine Gedanken, was genau von dem gezeigten Motiv ich später im Blog ansprechen möchte. Dann beginne ich zu recherchieren oder entdecke einen anderen Aspekt auf dem Foto, der mir davor gar nicht aufgefallen war, und finde diesen plötzlich viel interessanter. 😆

Besonders viele kusudama-origami-Bälle habe ich Warei-Schrein in Uwajima gesehen.
Besonders viele kusudamaorigami-Bälle habe ich Warei-Schrein in Uwajima gesehen.

So erging es mir auch hier. Der Plan war sicherlich über die hübschen Wildschwein-ema am Warei-Schrein zu schreiben, wo das Foto entstand. Doch dann viel mein Blick auf die farbenfrohen origami-Bälle daneben. Und wie sollte es anders sein: auch hinter diesen steckt eine interessante Geschichte, auf die der japanische Originalname der Gebilde bereits hindeutet: kusudama 薬玉 (dt.: Medizinkugel).

Doch was hat eine origami-Skulptur mit Medizin zu tun?

kusudama zur Abwehr von Krankheiten

So sahen kusudama ursprünglich aus. (Foto: Hayami Shungyōsai, Wikimedia Commons https://commons.wikimedia.org/wiki/File:薬玉全図.jpg, Public Domain https://creativecommons.org/publicdomain/mark/1.0/deed.de)
So sahen kusudama ursprünglich aus. (Foto: Hayami Shungyōsai, Wikimedia Commons, Public Domain)

Eine Spur lässt sich im Kopfkissenbuch der Hofdame Sei Shōnagon finden, die vor über 1.000 Jahren am kaiserlichen Hof der Heian-Zeit diente. Auf Deutsch ist der kusudama leider in der Übersetzung verloren gegangen, doch in der englischen Fassung von Ivan Morris (Oxford University Press, 1967) ist von einem „Kräuterball“ die Rede, der sogar in einer Fußnote genauer beschrieben wird:

„Kräuterball: Während des Iris-Festes im fünften Monat werden unterschiedliche Kräuter zu Büscheln gebunden und in runde Baumwoll- oder Seidentaschen gepackt, die sowohl mit Iris und anderen Pflanzen als auch langen fünffarbigen Schnüren geschmückt wurden; sie wurden dann an Säulen, Vorhänge etc. gehängt, um die Bewohner des Hauses vor Krankheit und anderem Unglück zu schützen. Sie blieben dort bis zum Chrysanthemen-Fest im neunten Monat, dann wurden sie gegen Kugeln geschmückt mit Chrysanthemen-Blättern ausgetauscht, die bis zum Iris-Fest im nächsten Jahr hängen blieben.“ (frei übersetzt nach Quelle: Origami Heaven: The Pillow Book of Sei Shonagan)

In Japan war die Tradition der kusudama lange Zeit auf den Adel beschränkt. Jährlich zum Iris-Fest lud der Kaiser seine hochrangigen Untergebenen ein und übergab ihnen die duftenden Amulettbeutel (und ein Gläschen Sake dazu). Der Brauch endete laut Moku Jōya und seinem Buch „Japan and Things Japanese“ (Taylor & Francis, 2017) im 16. Jahrhundert unter Kaiser Go-Mizunoo.

Eine ema-Wunschtafel am Kibistu-Schrein zeigt den Pfirsichjungen Momotarō.
Eine ema-Wunschtafel am Kibistu-Schrein zeigt den Pfirsichjungen Momotarō. Daneben ein kusudama.

origami-kusudama – Blütenbälle aus Papier

Mit dem Ende der aristokratischen Tradition, die tatsächlich mit Medizin gefüllten und echten Blumen geschmückten Stofftaschen an der Kleidung zu tragen oder im Haus aufzuhängen, wurde der klassische kusudama langsam durch die origami-Version ersetzt. (Erinnert ein bisschen an die weißen shide-Streifen am Schrein, die wohl Stoff ersetzen sollten oder die ema-Holz-Wunschtafeln, die im Laufe der Zeit statt echter Pferde gespendet wurden.) Der Nutzen verschwand, vielmehr diente er nun zur reinen Dekoration, als Geschenke oder Spielzeug.

In der origami-Community gibt es eine heiße Diskussion, ob kusudama als Vorgänger des modularen origami gesehen werden können oder nicht. Konservative origami-Fans beharren darauf, dass ihre Werke rein aus gefaltetem Papier bestehen dürfen. Klebstoff oder andere Hilfsmittel kommen nicht zum Einsatz. Die Japaner selbst sehen das etwas lockerer. kusudama wurden und werden zum Beispiel häufig zusammengenäht oder geklebt. Auch Anleitungen in den ältesten japanischen origami-Büchern aus dem 18. Jahrhundert bedienen sich munter der Schere, um besonders ausgeklügelte Falt-Kunstwerke zu schaffen. (Quelle)

kusudama neben gefalteten Kranichen.
kusudama neben gefalteten Kranichen.

kusudama gibt es sogar als Emoji

Wenn ein Japaner heute das Wort kusudama hört, denkt er in den meisten Fällen nicht an die origami-Bälle. Es hat sich zu einem Synonym für andere Kugeln mit Verzierung und bunten Fäden entwickelt, allen voran den waritama 割り玉. Dahinter verbirgt sich eine Kugel, die gefüllt ist mit Konfetti, und sich in zwei Teile öffnen lässt. Sie kommt vor allem zu Feierlichkeiten zum Einsatz. Na…kommt dir das nicht bekannt vor? Wahrscheinlich nutzt du das Emoji selbst regelmäßig: 🎊.


Warum genau du immer wieder kusudama an Schreinen sehen wirst, kann ich nicht exakt sagen. Vielleicht stellen sie eine kreative Variante zu den tausendfach gespendeten Papierkranichen dar oder sollen den Göttern freue bereiten. Vielleicht sind sie auch ein Dank, wenn es mit der Erfüllung eines Wunschs geklappt hat.

In jedem Fall habe ich Lust bekommen, mich auch mal am Falten so eines kleinen Wunderwerks zu versuchen. Du auch? Anleitungen* und Material* gibt es wie immer bei Amazon.

Quellen und weiterführende Links

Daiv Lister: Kusudamas

Origami Heaven: History of Kusudama

Wikipedia: Kusudama

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Kategorien Alltägliches

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Ich bin Elisa, Japan ist meine große Liebe und hier erzähle ich davon. Meine Japanreisen 2019: im Mai war ich zweieinhalb Wochen an der San-in Küste, im November auf Shikoku. What's next?

2 Kommentare zu “kusudama – was haben origami-Bälle mit Medizin zu tun?

  1. Sowas finde ich immer total spannend. Man sieht und nutzt manches ja sehr oft, ohne zu wissen, was es eigentlich bedeutet. Gerade mit Blick auf den Emoji, der ja gerne als Symbol für Feiern genommen wird.

    • Da geht’s mir ganz genauso :D Das mit dem Emoji habe ich auch erst bei der Recherche zu diesem Artikel erfahren und mich bis dahin immer gewundert, was wohl die genaue Bedeutung ist :)

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