Am Tenjin-Schrein in Tokushima gibt es diverse Tanuki-Figuren, hier zusätzlich mit Mandarinen als Opfergaben

Tanuki – die Schelme der japanischen Tierwelt

Kulleraugen, ein Strohhut, Sake-Flasche in der Hand und auffällig große Hoden – so kommt das japanische Pendant zum deutschen Gartenzwerg daher. Die Rede ist vom Tanuki. Als Figur in diversen Größen von winzig klein bis überlebensgroß ziert er viele japanische Vorgärten und begegnet dir bei deiner Japanreise manchmal sogar in seiner bildlichen Darstellung an Schreinen und Tempeln.

Der Tanuki hat ein reales Vorbild, das aber wenig mit seiner populären Dekoversion zu tun hat: den Marderhund. Er ist in Japan heimisch und seit Jahrhunderten Inspiration für Sagen und Märchen. Die sich gut und gerne um seine mächtigen Testikel drehen. Und deren unerträglichen Gestank.

Was ist ein Tanuki? – Der Marderhund in Realität

Marderhunde in Realität. (Foto: 663highland auf Wikimedia Commons https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Tanuki01_960.jpg, CC BY 2.5 https://creativecommons.org/licenses/by/2.5/deed.en)
Marderhunde in Realität. (Foto: 663highland auf Wikimedia Commons, CC BY 2.5)

Das reale Tier namens Tanuki ist in Japan und weiteren asiatischen Ländern heimisch. Nachdem er zusätzlich in der Ukraine angesiedelt wurde, verbreitete sich die Population über Nordeuropa und manchmal sind die Tiere sogar in Deutschland zu beobachten.

Hier wird er als Marderhund bezeichnet, wobei es immer wieder zu falschen Übersetzungen als Waschbär, dem er ähnlich sieht, oder Dachs, dessen Lebenswandel dem des Tanuki gleicht, kommt. Biologisch betrachtet ist der Tanuki nah mit Füchsen verwandt.

Der Marderhund ist ein scheuer Geselle. Er lebt in Erdhöhlen und ernährt sich von Aas, anstatt selbst jagen zu gehen.

Der Marderhund in der Mythologie

Auf einem Holzschnitt von Tsukioka Yoshitoshi kämpfen Tanuki gegen fahrende Händler. (Foto: Museum of Fine Arts Boston https://collections.mfa.org/objects/462358/twisting-the-nose-of-a-tengu-at-the-konpira-shrine-at-torano?ctx=61d406c9-2727-4f25-b1bc-0197eed61e49&idx=2, Public Domain)
Auf einem Holzschnitt von Tsukioka Yoshitoshi kämpfen Tanuki gegen fahrende Händler. (Foto: Museum of Fine Arts Boston, Public Domain)

Auch im japanischen Volksglauben spielen Tanuki eine ähnliche Rolle wie Füchse: ihnen werden magische Kräfte und die Fähigkeit sich zu verwandeln zugeschrieben.

Während Füchse meist eine Gestalt als hübsche, junge Frau annehmen, sind es bei den Marderhunden auch Gegenstände oder tendenziell eher männliche Figuren.

Anfangs nahm der Tanuki eher die Rolle des Bösewichts in der Mythologie ein. Er trickste die Menschen aus und stellte ihnen sogar nach, um sie zu fressen. Ein heldenhafter Protagonist stellte sich ihnen entgegen und besiegte den Dämon am Ende.

Vermutlich aus dem 17. Jahrhundert stammt eine Legende, die das Ansehen des Tanuki wesentlich verbesserte. Im Märchen bunbuku chagama (分福茶釜, dt. wortwörtlich „‚Anteile des Glücks‘-Teekessel“ bzw. „Teekessel, der das Glück teilt/vermehrt“) wird ein Marderhund von einem Menschen gerettet. Als Dank verwandelt das Tier sich in einen Teekessel, den der Mann verkauft. Bei Benutzung erleidet der Tanuki natürlich Schmerzen (die er auch laut kundtut) und läuft zu seinem eigentlichen Besitzer zurück, der ihn erneut gewinnbringend verkaufen kann.

Seitdem hat der Tanuki zwar ein schelmisches, aber nicht mehr allzu negatives Image. Das wird vor allem unterstützt durch seine figürliche Darstellung.

Der japanische Gartenzwerg – das Tanuki-Monopol von Shigaraki

Tanuki-Statuen, mal liegend, mal stehend, am Tenjin-Schrein in Tokushima.
Tanuki-Statuen, mal liegend, mal stehend, am Tenjin-Schrein in Tokushima.

Der Vergleich mit dem deutschen Gartenzwerg ist nicht aus der Luft gegriffen. Wenn in einem japanischen Vorgarten oder neben dem Eingang zu einem Lokal eine Figur steht, ist es in 90% der Fälle ein Marderhund.

Und alle sehen sich mehr oder weniger ähnlich: Sie tragen einen Strohhut, haben in einer Pfote eine Sake-Flasche und in der anderen einen Schuldschein für den Reiswein. Seine Augen sind so kugelrund wie sein wohlgenährter Bauch. Zusätzlich fallen sofort die überdimensionalen Hoden des Tiers ins Auge, doch dazu gleich mehr.

Dieses fast schon normierte Aussehen liegt daran, dass die jetzt gängige Darstellung auf einen einzigen Künstler zurückgeht: den Töpfermeister Fujiwara Tetsuzō (1877–1967) aus Shigaraki.

Der Ort nahe Kyōto ist als Hochburg der Töpferkunst bekannt. Angeblich im Jahr 1936 entstand die erste Tanuki-Figur in der Werkstatt von Fujiwara Tetsuzō, nachdem er geträumt hatte, dass er so eine anfertigen sollte.

Lokal waren die Statuen bereits bekannt, doch landesweite Interesse entstand 1952 durch den Besuch des japanischen Kaisers in der Stadt. Um ihren Monarchen zu begrüßen, stellten die Anwohner die Marderhund-Statuen an die Straße, woraufhin der Tennō neugierig wurde, was es damit auf sich hatte.

Bis heute kommt der Großteil aller Figuren aus Shigaraki und sind ihrem Look treu geblieben.

Marderhunde und ihre sagenhaften Hoden

Alle Features einer typischen Marderhund-Darstellung: Strohhut, Sake-Flasche, Schuldschein und große Testikel.
Alle Features einer typischen Marderhund-Darstellung: Strohhut, Sake-Flasche, Schuldschein und große Testikel.

Sie sind nicht zu übersehen: die großen Hoden der Tanuki-Figuren. In vielen Märchen rund um den Marderhund in Japan spielen sie eine wichtige Rolle. Der Tanuki nutzt seine Fähigkeiten als Gestaltwandler, um sie beliebig zu vergrößern.

Das geht so weit, dass ein gigantischer Hodensack entsteht, unter dem sie so manchen Widersacher begraben. Dieser wird lahmgelegt. Unter anderem auch durch den penetranten Gestand des Gemächts.

Fun Fact:
Testikel bezeichnet man im japanischen übrigens als kintama (金玉), also „goldene Kugeln“. Wenn du hier nun sofort an die Manga- und Animeserie „Gin Tama“ (銀魂) denken musst, liegst du nicht verkehrt. Die Schriftzeichen bedeuten zwar „silberne Seele“, doch die fast identische Aussprache ist ein gezieltes Wortspiel.

Tanuki in der Populärkultur

Zwei Comic-Tanuki im typischen Pilgergewand der 88-Tempel-Wallfahrt auf Shikoku.
Zwei Comic-Tanuki im typischen Pilgergewand der 88-Tempel-Wallfahrt auf Shikoku.

Während „Gin Tama“ nur sehr entfernt mit Tanuki in Verbindung steht, kommen Marderhunde selbst auch immer wieder in der japanischen Populärkultur vor. 

Das berühmteste Beispiel ist vermutlich der Film  „Pom Poko“ von Studio Ghibli aus dem Jahr 1994. Im Englischen falsch als Waschbären übersetzt, versucht in dem Anime ein Rudel Marderhunde zu verhindern, dass in ihrem Wald gebaut wird. Der Humor ist derb und voller Anspielungen auf japanische Folklore.

Auch in der Super Mario Game-Reihe von Nintendo kann der Titelheld sich mit Hilfe eines Blatts in einen Tanuki verwandeln. Dadurch erhält er magische Fähigkeit und kann zum Beispiel fliegen und sich verwandeln. (Mehr dazu habe ich hier schon einmal beleuchtet.)


Ein Wegweiser zu einem Restaurant auf Shikoku mit riesiger Tanuki-Figur.
Ein Wegweiser zu einem Restaurant auf Shikoku mit riesiger Tanuki-Figur.

Tanuki sind fest in der japanischen Kultur verwurzelt. Auch wenn man die scheuen Tiere in freier Wildbahn kaum antrifft, treiben sie in Geschichten und Filmen ihren Schabernack. Ihre Fähigkeiten als Gestaltwandler kommen dabei kreativ zum Einsatz.

Wenn du bei deiner Japanreise irgendwo eine Figur stehen siehst, kennst du nun deren Hintergründe. Und kannst hoffentlich ein bisschen über die kleinen Strolche mit dickem Bauch und noch dickeren Eiern lachen. 😉

Quellen und weiterführende Links zum Thema „Tanuki-Marderhund“

Religion in Japan: Tanuki-Morphologie
Waku Waku: Statue of Raccoon Dog – Tanuki no Okimono

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1 Kommentar zu “Tanuki – die Schelme der japanischen Tierwelt

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