Ein Bettelmönch am Shitennō-ji-Tempel in Ōsaka.

Betteln verboten!?

Die Andersartigkeit Japans ergibt sich meist durch die Existenz von Dingen oder Praktiken, die man bei uns nicht kennt. Ein kleiner Schrein am Straßenrand, das korrekte Anstehen auf Basis von Markierungen am Bahnsteig, Ampeln, die akustische Signale in Form von Melodien geben.

Manchmal ist es aber auch die Abwesenheit von Bekanntem und Gewohntem, was den Unterschied macht. Ein Beispiel: Japans Städte sind im Vergleich zum Rest der Welt sehr sauber. Müll nimmt man dort mit nach Hause, um ihn korrekt zu trennen und zu entsorgen. Dieses Fehlen von Abfall im öffentlichen Raum sticht einem als Tourist ins Auge, obwohl man erst einmal vielleicht gar nicht benennen kann, warum die Straßen und Gehwege so anders wirken.

Bei der Beschäftigung mit dem Bild der Woche ging es mir ähnlich. Ein Bettelmönch, der am Shitennō-ji-Tempel in Ōsaka steht, ist doch eigentlich nichts Besonderes. Oder doch? Passt doch eigentlich in das verschwommene, exotische Bild, das ich vom Buddhismus in Asien habe. In Südkorea hatte ich schließlich auch schon Wandermönche gesehen, die durch die Straßen zogen, um Passanten nach Almosen zu fragen. Dennoch, irgendetwas fühlte sich daran seltsam an. Und dann wurde mir klar: bettelnde Personen sieht man in Japan eigentlich überhaupt nicht. Aber wieso eigentlich?

Betteln ist in Japan gesetzlich verboten

Die Kurzfassung: Betteln ist in Japan gesetzlich verboten. Sowohl durch das Kinderfürsorgegesetzt als auch durch das Strafrecht für kleinere Straftaten.

Aus deutschen Städten sind sowohl Bettler als auch Obdachlose, die um Geld für Essen oder eine Unterkunft bitten, für mich leider ein gewohnter Anblick. Nicht so in Japan. Obwohl es dort vor allem in Ōsaka und Tōkyō viele Wohnungslose gibt, die sich oft in großen Zeltstädten aus blauen Planen in den Parks zusammenfinden, wird es dir bei einer Japanreise nicht passieren, dass einer davon am Straßenrand sitzt und Geld sammelt.

Die einzige Ausnahme, was das Betteln angeht, gilt für Mönche.

Obdachlosigkeit wird in Deutschland oft mit Bettler gleichgesetzt. In Japan ist Betteln gesetzlich verboten. Die sogenannten "Homeless" halten sich anders über Wasser. Das Hab und Gut sieht man oft unter Brücken oder in öffentlichen Parks.
Obdachlosigkeit wird in Deutschland oft mit Bettler gleichgesetzt. In Japan ist Betteln gesetzlich verboten. Die sogenannten „Homeless“ halten sich anders über Wasser. Das Hab und Gut sieht man oft unter Brücken oder in öffentlichen Parks.

takuhatsu – die buddhistische Almosen-Tradition

Nur von Almosen zu leben, ist eine alte asketische Tradition, die in vielen Strömungen des Buddhismus übernommen wurde. Auf Japanisch spricht man von takuhatsu 托鉢. 

In Japan war das Bitten um Spenden vor allem früher nötig, um die Tempel erhalten zu können. Mittlerweile werden sie von religiösen Vereinigungen bezuschusst und es gibt andere Einkünfte durch das Erbringen religiöser Leistungen und das Vermieten einiger Zimmer als Unterkünfte. Mit anderen Worten wurdetakuhatsu überflüssig und war Ende des 19. Jahrhunderts sogar eine Zeit lang verboten.

Dennoch kann es vorkommen, dass du bei deinem Japanurlaub entweder eine Gruppe junger Mönche bettelnd durch die Straßen ziehen siehst, die dabei 法雨 (dt. wörtlich „wohltuender Regen“, im Übertragenen Sinn die Rettung des Menschen durch die Lehre Buddhas) rufen. Oder aber einen einzelnen Mönch, der an einem Tempeltor still steht, und eine Schale vor seinem Oberkörper hält.

Hm, aber ist das jetzt nicht eigentlich verboten? Ja, theoretisch schon. Für das takuhatsu der Mönche wird aber eine Ausnahme gemacht, die man unter Religionsfreiheit verbucht. Das Almosensammeln dient einem spirituellen Zweck und nicht der persönlichen Bereicherung des einzelnen Mönchs. Allerdings gibt es örtliche Einschränkungen. An Bahnhöfen ist das Betteln zum Beispiel nicht erlaubt und kann bei Zuwiderhandlung zu Strafen für die Mönche führen.

Fake-Bettelmönche

Leider wird dieses gesetzliche Schlupfloch ausgenutzt und es gibt immer wieder Berichte von falschen Bettel-Mönchen, die es speziell auf die Yen-Scheine von unwissenden Touristen abgesehen haben. Rein durch die Kleidung ist es oft schwer, einen echten von einem falschen Mönch zu unterscheiden. Deshalb zwei Faustregeln:

  1. Siehst du den „Mönch“ an einem Bahnhof, mach lieber einen Bogen um ihn. Dort sollte er nämlich nicht sein und ein echter Mönch weiß dies auch.
  2. Kommt der „Mönch“ auf dich zu und quatscht dich an, um dir eine Spende zu entlocken und dir womöglich dafür noch einen kleinen Glücksbringer anzudrehen, ist er definitiv fake. Beim takuhatsu bleibt ein Geistlicher regungslos stehen und wartet ab, was Passanten ihm zukommen lassen. Niemals würde er dich von sich aus ansprechen. Als Dank spricht er einen Segen, gibt dir aber nichts Materielles als Gegenleistung.

Solltest du Japanisch sprechen, kannst du zusätzlich nach einem Badge Ausschau halten, mit dem der Mönch sich als seinem Kloster zugehörig identifiziert.

Vermutlich eher Fake: ein Bettel-"Mönch" am Meiji-Schrein in Tōkyō.
Vermutlich eher Fake: ein Bettel-„Mönch“ am Meiji-Schrein in Tōkyō.

Wenn du bei deiner Japanreise einen Bettel-Mönch siehst, ist dies ein kleiner Blick auf eine schwindende buddhistische Tradition, die ihren eigentlichen Zweck verloren hat. Und sollte er auf dich zukommen, halte deinen Geldbeutel fest und mach dich von dannen. In Richtung des nächsten Tempels zum Beispiel, wo wirklich gerade takuhatsu praktiziert wird.

Quellen und weiterführende Links

Sumikai: Takuhatsu – der buddhistische Bettelgang in Japan

Japanese Wiki Corpus: Takuhatsu

Wikipedia: Takuhatsu (jap.)

Wikipedia: Bettler (jap.)

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Kategorien Alltägliches

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Ich bin Elisa, Japan ist meine große Liebe und hier erzähle ich davon. Meine Japanreisen 2019: im Mai war ich zweieinhalb Wochen an der San-in Küste, im November auf Shikoku. What's next?

1 Kommentar zu “Betteln verboten!?

  1. Interessanter Bericht! Wusste ich noch nicht.
    Obdachlose sieht man in Japan aber auch nicht so oft wie bei uns. Sie sind alle sehr versteckt.
    Wenn man mal einen sieht dann kann der noch so bedürftig sein, die Leute gehen daran vorbei.
    Ist wohl so eine Buddhistische Sache.

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