Unterschiedliche senjafuda Pilgeretiketten am Daio Schrein auf der Daio Wasabi Farm in Azumino.

senjafuda – Japanische Pilger-Namensaufkleber

Ein Mann bringt ein beschriebenes Blatt an der Tür einer religiösen Stätte an und der Lauf der Geschichte verändert sich. Kommt uns hier in Deutschland sehr bekannt vor. Heute erzähle ich von einer Geschichte aus Japan, die so ähnlich beginnt und ebenfalls etwas in Gang gesetzt hat. Wenn auch eher ein populärkulturelles Thema als die Spaltung einer Religion. Vielleicht sind sie dir schon mal an Schreinen und Tempeln aufgefallen: an allen möglichen und vor allem unmöglichen Stellen kleben Papierzettel mit aufgedruckten Namen. Es handelt sich um sogenannten senjafuda 千社札 („Tausend-Schrein-Etiketten“).

Was sind senjafuda Namensaufkleber?

senjafuda sind Namensaufkleber, mit denen Pilger an buddhistischen Tempeln oder shintoistischen Schreinen markieren, dass sie den Ort besucht und entsprechende religiöse Riten begangen haben.

58 mm breit und 173 mm lang sollen die Etiketten sein, beziehungsweise 1.6 sun mal 4.8 sun groß, um die traditionelle Längenmaßbezeichnung zu verwenden. Ursprünglich auf Reispapier im Holzblockverfahren mit Tusche sumi 墨 gedruckt zeigt die einfachste Form eines senjafuda Aufklebers den Namen des Pilgers.

Zur Herstellung wurden früher drei Leute benötigt: ein Kalligraph shoka 書家, ein Schnitzer horishi 彫師 und ein Drucker surishi 摺師. Ein aufwendiges und auch teures Verfahren. Was aber brachte die Japaner dazu, ihre Namen an eine besuchte religiöse Stätte anbringen zu wollen?

Mit senjafuda Stickern haben Pilger am Ōasahiko Schrein in Bando markiert, dass sie hier waren.
Mit senjafuda Stickern haben Pilger am Ōasahiko Schrein in Bando markiert, dass sie hier waren.

Ursprung der Namensaufkleber

Der Ursprung geht angeblich zurück auf Kaiser Kazan (968-1008), der nach einer Pilgerfahrt an einen Tempel ein Gedicht verfasste und dieses am Tor des Tempels anheftete und somit zur Schau stellte. Andere begannen diesen Nachweis der eignen Pilgerschaft nachzuahmen.

Zunächst verstand man unter senjafuda kleine Holzanhänger, in die der Name des Pilgers geschnitzt wurde. Sie wurden an Schrein oder Tempel zurückgelassen. Diese kleinen Holzplättchen sind heute wieder als Handyanhänger oder Modeaccessoires populär. Was aber senjafuda angeht, lösten die bedruckten Etiketten aus Papier die hölzernen ab.

senjafuda als Pilger-Nachweis

Pilgern hat in Japan eine lange Tradition. Reisen generell war zu Feudalzeiten nur Zugehörigen hoher Klassen und Händlern erlaubt. Erst später in der Edo-Zeit ermöglichte Pilgern auch dem einfachen Volk, mehr von ihrem Land zu sehen. Der Anlass wurde genutzt, möglich viele Orte zu bereisen und der Begriff senjamode 千社詣で wurde geprägt, also „der Besuch von Tausend Schreinen“. Daher leitet sich auch die Bezeichnung der senjafuda ab, die bei den neuen Reisenden schnell an Beliebtheit gewannen.

daimei nōsatsu 題名納札 heißen diese klassischen Pilgeraufkleber auf Japanisch, so viel wie „Namensvotivgabe“. Sie wurden mithilfe einer Paste aus Reisbrei an Balken, Wänden und Decken angebracht. Dabei galt es gewisse Regeln zu beachten:

  1. Zunächst wurde gebetet und ein Eintrag ins Pilgerbuch erworben.
  2. Alte senjafuda wurden niemals überklebt.
  3. Sie wurden nicht an wichtiges Kulturgut oder auf gerahmten Votivgaben angebracht.
In der Votivhalle am Kotohira-gū finden sich diverse Opfergaben wie ema-Täfelchen und auch gerahmte Bilder. Dazwischen lassen sich einige Pilger-Namensaufkleber entdecken.
In der Votivhalle am Kotohira-gū finden sich diverse Opfergaben wie ema-Täfelchen und auch gerahmte Bilder. Dazwischen lassen sich einige Pilger-Namensaufkleber entdecken.

Wo genau man seinen Pilger-Aufkleber dann hinterließ, war Geschmacksache. Manche wollten mit ihrem Namen möglichst präsent und sichtbar sein, andere bevorzugten möglichst witterungsbeständige, geschütztere Orte. In einem aber waren sich alle einig: man machte einen Sport daraus, die senjafuda an einem möglichst hohen Ort anzubringen. Dafür wurden die Pilgerwanderstöcke verwendet, von denen manche wie Teleskopstangen ausgezogen und verlängert werden konnten. Bis zu sieben, acht Meter kam man so in die Höhe.

Gern gesehen waren sie bei Priestern übrigens nicht überall, da japanische Tusche so stark ist, dass Rückstände auf dem Holz der Tempel- und Schreingebäude selbst dann zurückblieben, wenn das Namensetikett entfernt worden war.

Namensaufkleber als Sammelobjekt

Zusätzlich zu den klassischen Stickern kamen in der Edo-Zeit die sogenannten kōkan nōsatsu 交換納札, also „Tauschvotivgaben“ auf. Die Namensaufkleber wurden bunter und künstlerisch hochwertiger gestaltet. Sie hatten plötzlich nicht mehr unbedingt den Zweck, beim Pilgern als Nachweis verwendet zu werden, sondern erhielten eine ähnliche Funktion wie Visitenkarten. Da es reguliert war, welche Klasse welche Farben in den Etiketten verwenden durften, entstanden ganze Tauschbörsen- und treffen. Das früheste bekannte Treffen fand bereits im Jahr 1799 statt.

Der wohl bekannteste senjafuda Künstler war Utagawa Hiroshige, der unter anderem „Die 36 Ansichten des Berges Fuji“ zeichnete.

An der Benten-dō Halle des Ryuan-ji Tempels im Minoo Park sind einige senjafuda Pilger-Namensaufkleber an ganz besonderen Stellen zu finden.
An der Benten-dō Halle des Ryuan-ji Tempels im Minoo Park sind einige senjafuda Pilger-Namensaufkleber an ganz besonderen Stellen zu finden.

senjafuda heute

Heutzutage haben digital gedruckte Aufkleber die klassischen senjafuda größtenteils abgelöst. Man bekommt sie für wenig Geld zum Beispiel aus Automaten in Game Centern und hat vorab vielerlei Gestaltungsmöglichkeiten. Das Problem mit diesen neuen Stickern ist, dass sie selbstklebend sind und die chemischen Stoffe den Untergrund zu sehr angreifen.

Auch schlich sich mehr und mehr die Angewohnheit ein, die Aufkleber anzubringen, ohne überhaupt davor gebetet, geschweige denn etwas am Schrein oder Tempel gekauft zu haben. Buddhismus und shintō finanzieren sich in Japan selbst und sind auf Verkäufe und Spenden von Gläubigen angewiesen. Daher sind die Namensaufkleber vielerorts mittlerweile verboten.

Stattdessen werden Pilger dazu animiert, einen Eintrag ins Stempelbuch zu erwerben. Ist das Aufkleben noch erlaubt, sind bestimmte Gebete, besagter Eintrag und eine offizielle Erlaubnis davor oft Voraussetzung. Dann aber kann nach einem geeigneten Platz Ausschau gehalten werden. Am besten ganz weit oben.

Quellen und weiterführende Links

Senjafuda – Wikipedia

Typisch japanische Dinge: Senjafuda

Shrine tags – The Japan Times

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Kategorien Alltägliches
Elisa

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Ich bin Elisa, Japan ist meine große Liebe und hier erzähle ich davon. Meine Japanreisen 2019: im Mai war ich zweieinhalb Wochen an der San-in Küste, im November auf Shikoku. What's next?

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