Schülerinnen in Schuluniform in Fukuoka, Japan.

Schuluniformen in Japan

Niemand ist  eine größere Ikone in Sachen japanische Schuluniform als Usagi Tsukino, besser bekannt als Sailor Moon. Die Geschichten rund um das Mädchen, das in seiner Freizeit als Magical Girl mit Zauberkräften gegen das Böse kämpft, starteten in Deutschland den großen Animetrend der 1990er Jahre. Fast die ganze Zeit über trägt sie in der Serie ihre Schuluniform im Matrosenstil. Selbst verwandelt in ihr magisches Alter Ego Sailor Moon bleibt ihr Kämpferinnenkostüm diesem Stil treu. Und verfestigte weltweit die universale Vorstellung von japanischen Schulmädchen in blauen Faltenröcken mit weißen Seemannsblusen. Aber entspricht dieses Bild überhaupt der Realität?

Die Einführung der Schulpflicht

Bis zur Meiji-Restauration im Jahr 1868 war Japan für circa 250 Jahre größtenteils abgeschottet vom Rest der Welt. Nach der Öffnung begann ein Wettlauf mit der Zeit: Japan versuchte innerhalb kürzester Zeit in allen Bereichen mit dem Westen gleichzuziehen. Unter anderem wurde eine allgemeine Schulpflicht eingeführt. Anfangs nur drei Jahre, ab 1907 dann für sechs Jahre.

In vielen Aspekten orientierte man sich an den Bildungssystemen Europas und der USA. Tausende neue Grundschulen entstanden und junge Japaner wurden in Fächern wie Japanisch oder Mathematik unterrichtet. 1890 kam auch eine japanische Eigenheit dazu, die eine große Rolle bei der Indoktrinierung für die diversen Kriege ab der Jahrhundertwende spielen sollte: der Moralunterricht.

Der Gedanke hinter diesem war ähnlich dem bei der Einführung von Schuluniformen: Disziplin und Einheitlichkeit. Während die Uniformen nämlich zunächst ein Erkennungszeichen elitärer Privatschulen gewesen waren, sollten sie nun dazu beitragen, das Gegenteil zu bewirken. Egal, aus welchen Verhältnissen ein Kind kam, alle hatten das gleiche Recht auf Bildung. Durchgängige Kleidung bei allen Schülern sollte dieses Gefühl unterstützen.

Japanische und westliche Einflüsse auf Schuluniformen

Je mehr Japan sich bemühte mit dem Westen gleich auf zu sein, umso lauter wurden konservative Stimmen, die auf die Erhaltung japanischer Werte pochten.

Dieses Nebeneinander westlicher und japanischer Einflüsse zeigte sich in vielen Lebensbereichen, auch bei der Mode. Traditionelle Kimono konkurrierten plötzlich mit Anzügen und westlicher Damenmode.

Auch bei den Schuluniformen zeigte sich dieser neue Kulturmix. Zunächst begannen die Schulen damit, einen Anzug für Jungen verpflichtend zu machen, der an europäische Militäruniformen erinnerte. Bei den Mädchen setze sich wenig später eine Kombination aus Kimono und einem traditionellen plissiertem Hosenrock durch, genannt hakama 袴.

Der Anime "Taisho Baseball Girls" (Taishō Yakyū Musume) greift das Thema gesellschaftlicher Wandel unter anderem in Bezug auf die Schuluniformen der Protagonistinnen auf. (Foto: J.C.STAFF)
Der Anime „Taisho Baseball Girls“ (Taishō Yakyū Musume) greift das Thema gesellschaftlicher Wandel unter anderem in Bezug auf die Schuluniformen der Protagonistinnen auf. (Foto: J.C.STAFF)

Erst 1921 erschien die Matrosenuniform auf der Bildfläche. Die Direktorin einer Mädchenakademie in Fukuoka, Elisabeth Lee, führte den Look basierend auf englischem Vorbild ein. Von dort aus verbreitete sich dieser Stil – unter anderem, da die Uniform leicht zu nähen war und mehr Bewegungsfreiheit gab – und verdrängte Kimono und hakama vollständig.

Schuluniformen in Japan heute

Bis zu den 1980ern war bei Mädchen der Matrosenstil für Schuluniformen in Japan dominierend. Der sukeban-Boom machte dem ein Ende. Der Begriff bezeichnet Anführerinnen aufrührerischer Mädchengangs, die sich gegen die bestehenden Regeln auflehnten und ihre Schuluniformen nach eigenem Geschmack anpassten. Zum Beispiel durch extrem lange Röcke und bauchfreie Oberteile.

Die Folge: strengere Vorgaben und eine Neuausrichtung auf einen anderen Stil. Bisher hatten sich die Uniformen katholischer Mädchenschulen mit Blusen, Blazern und Karo-Röcke eher wenig Beliebtheit erfreut. Mittlerweile sind sie der Standard. Nur noch etwa die Hälfte der Mittelschulen entscheidet sich heutzutage für den klassischen Matrosenlook, bei Oberschulen sind es weniger als ein Fünftel.

Junge Mädchen stehen nach der Schule an einigen Gashapon-Automaten in Akihabara. (Foto: Hakan Nural auf Unsplash https://unsplash.com/photos/8l8gQsG4c-E)
Junge Mädchen stehen nach der Schule an einigen Gashapon-Automaten in Akihabara. (Foto: Hakan Nural auf Unsplash)

Übrigens besteht nicht an jeder japanischen Schule Uniformpflicht. In der Grundschule (in Japan bis zur sechsten Klasse) gilt diese noch nicht. Die Ausnahme bilden Privatschulen. Hier wird die zu tragende Kleidung oft schon für die Jüngsten vorgeschrieben.

Das Design der Uniformen spielt ebenfalls seit den 80er Jahren eine große Rolle. Mit stetig sinkenden Geburtenzahlen buhlen viele Bildungseinrichtungen um die Gunst der Schüler. Das Aussehen der Uniform kann oft zur Entscheidung beitragen, für welche Mittel- oder Oberschule sich ein Kind entscheidet.

Dabei müssen die Eltern tief in Tasche greifen, denn für die Kosten der Uniform kommen sie selbst auf. Ein komplettes Set für Sommer und Winter inklusive Accessoires kommt ungefähr auf 100.000 Yen (aktuell ca. 750 €). Kein Wunder, dass der Aufschrei vor einigen Jahren groß war, als eine Grundschule in Tōkyōs Nobelviertel Ginza ihre Schuluniformen von Armani designen ließ, was den Preis selbstverständlich vervielfachte.


Der klassische Matrosenanzug, wie du ihn aus Sailor Moon kennst, ist also gar nicht mehr so häufig, vor allem an Oberschulen. Nichtsdestotrotz hat er sich als Inbegriff für junge Mädchen im Schulalter etabliert. Wenig verwunderlich also, dass man so manche Hostess jenseits der 30 oder Frauen in japanischen Pornoproduktionen gern in eine Matrosenuniform steckt, um durch die Kleidung den Eindruck ewiger Jugend zu erwecken. Ich gehe mal lieber Sailor Moon schauen…

Quellen und weiterführende Links

State University: Japan – History  Background – Education, Period, Schools, and School

LIVE JAPAN: About Japanese School Uniforms: Symbols of Freedom, Rebellion, and Fashion

Japanese123: Japanese School Uniforms

Wikipedia: School uniforms in Japan

Für später pinnen
 

PS: Wenn du täglich ein Stück Japan in deinen Social-Media-Feeds und dich mit anderen Japan-Fans austauschen möchtest, folge mir auf Facebook, Instagram, Twitter und Pinterest.

Noch mehr Neuigkeiten, Infos, Lustiges und Skurriles gibt es jeden Montag im Japanliebe Newsletter. Trag dich gleich ein und lerne Japan mit mir kennen.


Kategorien Alltägliches
Avatar

Über

Ich bin Elisa, Japan ist meine große Liebe und hier erzähle ich davon. Meine Japanreisen 2019: im Mai war ich zweieinhalb Wochen an der San-in Küste, im November auf Shikoku. What's next?

5 Kommentare zu “Schuluniformen in Japan

  1. Avatar

    Ein schöner und informativer Artikel

  2. Avatar

    Hallo,
    du meist diese gelben Mützen oder? Ja davon habe ich auch einige gesehen, und vor allem gehört, wäre mir normalerweise egal gewesen, aber war im Kyoto Aquarium, und wenn da im Innenraum 20 Kinder sehr aufgeweckt sind, ist das schon extrem laut, aber war auch verständlich, da gibts ja viel interessantes zu sehen.

  3. Avatar

    Hallo,
    auf meinen, leider bisher nur zwei, Reisen nach Japan habe ich, vor allem in Kyoto eine Menge verschiedener Uniformen gesehen, sowohl im Matrosen als auch in anderen Looks.
    Das ist für deutsche Augen schon ungewöhnlich, vor allem da man bei den Sehenswürdigkeiten meist von Mengen uniformierter Schulklassen umgeben ist, Kyoto eben, da machen viele ihre Klassenfahrt hin, daher sah man auch immer wieder ganze Klassen die sich zum Gruppenfoto aufstellten.

    • Avatar

      Ich scheine eher ein Talent dafür zu haben, auf Grundschüler und Kindergartengruppen zu treffen :D Letztere sehen auch ganz entzückend aus mit ihren Hüten.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.