Vor setsubun kann man im japanischen Supermarkt geröstete Bohnen, oni-Dämonen-Masken und ehōmaki-Sushirollen kaufen.

Bild der Woche: setsubun – Von Dämonen und Bohnen

In meiner Heimatstadt wird jährlich am unsinnigen Donnerstag der Winter ausgetrieben, indem eine Strohpuppe verbrannt wird. Auch in Japan gibt es einen ähnlichen Brauch zum Wechsel der Jahreszeiten, wenn der kalte Winter verabschiedet und der milde Frühling begrüßt wird. Immer am 3. Februar feiert man dort setsubun, was allerdings kein gesetzlicher Feiertag ist. Dabei geht es etwas humaner als in meiner Heimat zu, verbrannt wird hier niemand. Stattdessen drückte meine Lehrerin an der Sprachschule mir bei meinem ersten setsubun plötzlich ein Päckchen mit gerösteten Sojabohnen in die Hand. Ich staunte nicht schlecht. Was es mit den Bohnen genau auf sich hat und was sie mit Dämonen zu tun haben, erzähle ich heute.

setsubun – der Tag der Trennung der Jahreszeiten

setsubun 節分 bedeutet wortwörtlich übersetzt die Trennung der Jahreszeiten. Hm, am 3. Februar ist doch aber nicht Frühlingsanfang, denkst du vielleicht. Doch das Datum richtet sich nicht nach dem meteorologischen Kalender, wie wir ihn kennen, sondern basiert auf dem chinesischen Mondkalender. Dieser galt in Japan vor Einführung des westlichen, gregorianischen Kalenders.

Nach dem Mondkalender war das Jahr in 24 Einheiten sekki 節気 unterteilt, die jeweils in etwa 15 Tage dauerten, und eine genauere Bestimmung der Jahreszeit erlaubten. Auf die große Kälte daikan 大寒 Ende Januar folgte mit risshun 立春 der erste Tag des Frühlings. setsubun markiert also traditionell das Ende der großen Kälte und somit den Beginn des neuen Jahres.

Dämonen und Bohnen

In der Gegend, aus der ich komme, gibt man dem Winter die Gestalt einer Strohfigur. In Japan sind es gehörnte Dämonen, sogenannte oni 鬼, die an setsubun ihr Unwesen treiben. Und was hilft gegen Dämonen? Du denkst es dir bestimmt schon, genau, geröstete Sojabohnen.

Dabei ist wichtig, dass man geröstete Bohnen und nicht etwa rohe Bohnen verwendet. Letztere würden den oni nur stärken. Aber wie sieht dieses „verwenden“ nun aus? Sehr spaßig, der Dämon wird nämlich mit aller Kraft mit den Bohnen beworfen. Dieses Bohnenwerfen nennt sich mamemaki 豆まき und beruht auf einer Geschichte, bei der eine Frau einen angriffslustigen oni vertrieb, indem sie ihn mit dem Erstbesten bewarf, das ihr in die Hände kam: geröstete Sojabohnen.

Die Bohnen gibt es Ende Januar, Anfang Februar in jedem japanischen Supermarkt zu kaufen und kommen zum Teil gebündelt mit einer Dämonenmaske. Ein tapferes Mitglied der Familie oder im Kollegenkreis setzt diese auf und stürmt ins Haus oder Büro, um sich dann mit geworfenen Bohnen wieder vertreiben zu lassen.

Zu setsubun stürmte ein "Dämon" in mein Klassenzimmer an der Yamasa-Sprachschule.
Zu setsubun stürmte ein „Dämon“ in mein Klassenzimmer an der Yamasa-Sprachschule.

Während im Klassenzimmer meiner Sprachschule damals eine wilde Bohnenschlacht entbrannte, machen die Japaner zu Hause es oft so, dass nur einer die Bohnen wirft. Entweder das Familienoberhaupt oder ein Familienmitglied, das im selben Tierkreiszeichen geboren wurde wie im aktuellen Jahr. 2020 wäre das also jemand, der im Jahr der Ratte auf die Welt kam. Es muss auch nicht unbedingt im Haus eine Sauerei veranstaltet werden. Es geht ebenso die Bohnen aus der Haustür hinaus zu feuern und die Tür danach fest zuzuknallen.

Oder man feiert setsubun an Tempel oder Schrein, wo je nach Gegend Priester oder Persönlichkeiten aus Politik, Sport oder Medien stellvertretend für alle die Bohnen werfen.

Das wichtigste ist aber, dass dabei immer eins gerufen wird: Oni wa soto, fuku wa uchi. 「鬼は外、福は内」„Raus mit den Dämonen, herein mit dem Glück!“

Bohnen und Sushirollen für ein langes, glückliches Leben

Wir hatten also alle wie verrückt mit Bohnen geworfen…und dann? Wer macht das Ganze wieder weg? Das Aufräumen danach ist Gott sei Dank ein Selbstläufer. Die Tradition verlangt nämlich, dass man nach dem Werfen die gerösteten Sojabohnen isst. Und zwar so viele, wie man gerade alt ist. Und noch eine mehr. So sollen sie eine lebensverlängernde Wirkung haben. Lecker sind sie ganz nebenbei gesagt auch noch.

Durch diese Tradition werden vielerorts alternativ Erdnüsse in der Schale geworfen. Die Erdnuss hat zwar im deutschen die „Nuss“ im Namen, streng gesprochen handelt es sich aber um eine Bohnenart. Und diese lässt sich besonders leicht wieder aufsammeln und ohne hygienische Bedenken verzehren.

Eine ehōmaki-Rolle muss am Stück in die glücksbringende Richtung des Jahres gegessen werden. (Foto: sakura_chihaya+ auf Flickr)
Eine ehōmaki-Rolle muss zu setusbun am Stück in die glücksbringende Richtung des Jahres gegessen werden. (Foto: sakura_chihaya+ auf Flickr)

Und noch etwas essen über die Hälfte aller Japaner an setsubun: eine dicke, lange Sushirolle namens ehōmaki 恵方巻. Sie enthält sieben Zutaten für die sieben Glücksgötter und beim Essen muss einiges beachtet werden:

  1. Die Rolle darf vorab nicht, wie sonst bei Sushi üblich, in stäbchengerechte Häppchen geschnitten werden. Man isst sie am Stück ohne abzusetzen.
  2. Während dem Essen wird nicht gesprochen.
  3. Man isst die ehōmaki in die glücksbringende Himmelsrichtung des Jahres. 2020 ist dies West-Südwest

Während das Bohnenwerfen vermutlich auf die Muromachi-Zeit (1336–1573) zurückgeht, sind die ehōmaki-Sushirollen erst seit den 90er Jahren in ganz Japan verbreitet. Der Brauch stammt aus der Gegend um Ōsaka und wurde erst durch Marketing-Kampagnen von Convenience Stores wie Seven Eleven landesweit bekannt. Und das hat sich gelohnt. Heute ist der Verkauf von ehōmaki ein großes Geschäft.

Der Tradition nach steckt man Sardinenköpfe auf Stechpalmenzweige. hier wurde der Kopf wahrscheinlich verbrannt und stattdessen der verbleibende Körper verwendet. (Foto: Bong Grit auf Flickr)
Der Tradition nach steckt man zu setsubun Sardinenköpfe auf Stechpalmenzweige. Hier wurde der Kopf wahrscheinlich verbrannt und stattdessen der verbleibende Körper verwendet. (Foto: Bong Grit auf Flickr)

Heutzutage unüblich ist der Brauch Sardinenköpfe auf einen Stechpalmenzweig zu spießen und an der Haustür zu befestigen. Dieser Talisman nennt sich hiiragi iwashi 柊鰯. Alternativ wurden die Fischköpfe oder andere übelriechende Lebensmittel verbrannt, um Dämonen durch den Geruch fern zu halten.

Das heutige Bild zeigt dir sehr vieles von dem, was ich dir zu setsubun erzählt habe: jede Menge gerösteter Sojabohnen, Dämonenmasken und im Frischeregal dahinter ehōmaki-Rollen.

Hattest du von diesem Fest schon einmal gehört oder es sogar schon selbst in Japan miterlebt?

Kategorien Alltägliches
Elisa

über

Ich bin Elisa, Japan ist meine große Liebe und hier erzähle ich davon. Meine Japanreisen 2019: im Mai war ich zweieinhalb Wochen an der San-in Küste, im November auf Shikoku. What's next?

2 Kommentare zu “Bild der Woche: setsubun – Von Dämonen und Bohnen

  1. Liebe Elisa,
    danke für die schöne Erklärung :) Ich kenne Setsubun, von den Sushirollen habe ich aber erst dieses Jahr erfahren (dank „Terrace House“ xD). Außerdem hat mein Freund ausgerechnet am 3. Februar Geburtstag und wir haben ihm auch schon mal eine Oni-Vertreibung zur Feier des Tages vorgespielt ^^ Ich hoffe natürlich, Menschen, die am 3.2. Geburtstag haben, stehen für das Glück, nicht für die Oni :)
    Liebe Grüße
    Christin

    • Danke für das liebe Lob :) Ich muss auch zugeben, dass ich von den Sushirollen erst die letzten Jahre erfahren habe. Als ich vor zehn Jahren an der Sprachschule setsubun feierte, war dies auch kein Thema (oder ich hatte es nicht mitbekommen oder eventuell auch nicht verstanden auf Japanisch xD). Ich kann mir gut vorstellen, dass das Marketing der Supermarktketten und Convenience Store dies lukrative Einnahmequelle nun jedes Jahr mehr und mehr befeuern.

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