Der Isaniwa Schrein in Matsuyama möchte erst durch eine lange Treppe hinauf erklommen werden.

sandō – der vielfältige Weg zu Schrein und Tempel

Omotesandō … ist das nicht diese coole Einkaufsstraße in Tōkyō mit den Flagship Stores der ganz großen Marken wie Prada, Gucci, Zara und H&M? Genau. Heute wird der Name als feststehende Ortsbezeichnung verwendet, ihren Ursprung verdankt die Bezeichnung jedoch dem nahe gelegenen Meiji-jingū Schrein. sandō 参道 bedeutet nämlich übersetzt so viel wie „Weg zum Schreinbesuch“ oder „Pfad zum Tempelbesuch“. Wie diese Straße aussehen kann und was es dabei bei deiner Japanreise zu beachten gibt, schauen wir uns heute einmal genauer an.

sandō 参道 – der Weg ist oft ein ganzes Viertel

Eine strenge Definition dafür, was einen sandō-Weg ausmacht, gibt es nicht. Im engeren Sinn wird damit die Strecke vom äußersten Schrein- oder Tempeltor bis hin zum Hauptgebäude der heiligen Stätte bezeichnet.

Die Treppen zum Suwa Schrein in Nagasaki an einem Tag mit matsuri.
Die Treppen zum Suwa Schrein in Nagasaki an einem Tag mit matsuri.

Bei alten, traditionellen Schreinen geht dieser Pfad manchmal durch einen Wald, der zum Schreingelände gehört  – einem chinju no mori 鎮守の森 („Wald der lokalen Gottheit“). Manchmal säumen Steinlaternen den Weg, eine Tradition die aus dem Buddhismus kommt und auch im shintō übernommen wurde. Sehr sehr oft musst du viele Treppen steigen, um zur honden 本殿 Haupthalle zu gelangen. Oh, was bin ich schon Treppen gestiegen in Japan. Je entlegener und schlechter zugänglich ein Schrein, umso interessanter für mich. Was, ein kleiner Wegweiser und eine schier unendliche Treppe, deren Ende ich nicht sehen kann? Los geht’s!

Oft bedeutet ein Schreinbesuch viele Treppenstufen. So auch am Ten-jinja Schrein in Uchiko.
Oft bedeutet ein Schreinbesuch viele Treppenstufen. So auch am Ten-jinja Schrein in Uchiko.

Vielerorts wird die sandō aber auch weiter gefasst, beziehungsweise hat es sich historisch so entwickelt, dass zwischen äußerstem Tor und Schrein- oder Tempelgrund ein lebendiges Einkaufsviertel entstand. Links und rechts säumen dann unzählige kleine Läden die Straße, teils spezialisiert auf alles, was ein Pilger brauchen könnte, allem voran etwas Leckeres in den Bauch.

In Dazaifu ist der Weg vom ersten torii bis zum Tenman-gū Schrein eine belebte Einkaufsstraße.
In Dazaifu ist der sandō-Weg vom ersten torii bis zum Tenman-gū Schrein eine belebte Einkaufsstraße.

Beispiele, die sofort vor meinem geistigen Auge auftauchen, sind der Weg zum Dazaifu Tenman-gū Schrein auf Kyūshū und die Straße vorm Zenkō-ji Tempel in Nagano. Die extremste Form ist mir auf Shikoku am Kotohira-gū Schrein begegnet, wo du 1.368 Stufen hinter dich bringst, bis zum innersten Heiligtum. Eine weite Strecke davon entlang Hotels, Restaurants und Souvenirläden. Leider waren weder mein Geldbeutel noch Magen groß genug, um alles zu probieren, was mich unterwegs anlachte.

Viele Wege führen zu Schrein und Tempel

Der Aufstieg zum Nyoho-ji Tempel in Ozu ist bei Sonnenschein und Herbstlaub wirklich magisch.
Der Aufstieg zum Nyoho-ji Tempel in Ozu ist bei Sonnenschein und Herbstlaub wirklich magisch.

Da es natürlich fast immer mehrere Wege gibt, die zu einem Schrein oder Tempel führen, wird unterschieden. Der Hauptpfad nennt sich omote-sandō 表参道, also „vorderer Weg zu Schrein oder Tempel“. Daher also der Name der Einkaufsstraße in Tōkyō.

Hotspot für Shoppen in Tōkyō: die Omotesandō.
Hotspot für Shoppen in Tōkyō: die Omotesandō.

Das Gegenstück dazu ist die ura-sandō 裏参道, der „hintere Weg zu Schrein oder Tempel“. Und, du kannst es dir schon denken, es gibt auch waki-sandō 脇参道, der „seitliche Weg zum Schrein oder Tempel“.

Die Mitte ist den Göttern vorbehalten

Eine Besonderheit im Shintoismus ist, dass man eigentlich auf der sandō nie in der Mitte geht, sondern immer eher auf der rechten oder linken Seite. Das Gleiche gilt für das Durchschreiten von torii 鳥居 Schreintoren. Denn die Mitte ist den Göttern, den kami 神 vorbehalten.

Wer am Izumo-taisha Schrein in der Mitte geht, zeigt, dass er nicht weiß, dass diese den Göttern vorbehalten ist.
Wer am Izumo-taisha Schrein in der Mitte geht, zeigt, dass er nicht weiß, dass diese den Göttern vorbehalten ist.

In der Praxis wird dies selten befolgt. Vor allem, wenn die sandō sich in ein Einkaufsviertel verwandelt hat, denkt natürlich niemand daran, wo auf der Straße er zu gehen hat. Am strengsten wird diese Regel noch in Izumo am Izumo-taisha Schrein eingehalten. Er gehört zu den wichtigsten heiligen Orten in Japan und eine große Allee führt hin zum Hauptteil des Schreingeländes, die links und rechts von zusätzlichen Kieswegen für die Besucher gesäumt wird. Wer hier in der Mitte geht, offenbart sofort, dass er Tourist ist, der sich vorab nicht über die lokalen Gepflogenheiten informiert hat.


Das nächste Mal, wenn dir in Japan die Straßenbezeichnung sandō begegnet, weißt du, woher sie kommt. Und dass vermutlich ein Schrein oder Tempel in der Nähe ist. Und beim gehen immer daran denken: lieber auf der Seite. Schließlich wollen wir die Göttern nicht erzürnen ;)

Quellen und weiterführende Links

Nippon: “Sandō”: The Worshipper’s Path

Japanese Wiki Corpus: Sando (an approach to a shrine or temple)

Japanese Wiki Corpus: [Chinju no Mori (Sacred Shrine Forest)

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Elisa

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Ich bin Elisa, Japan ist meine große Liebe und hier erzähle ich davon. Meine Japanreisen 2019: im Mai war ich zweieinhalb Wochen an der San-in Küste, im November auf Shikoku. What's next?

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