Kirschblüten und rote Bohnen – Diskussion nach dem Lesen

Diese Diskussionsrunde ist für alle gedacht, die das Buch fertig gelesen haben. Hier darf frei von der Leber weg ohne Einschränkungen darüber gesprochen werden.

So funktioniert diese Diskussionsrunde:

Du kannst gerne allgemein schreiben, wie dir das Buch gefallen hat.

In den folgenden Tagen folgen Fragen, die als Diskussionsanregung dienen sollen.

  1. Hattest du das Buch zum ersten Mal oder erneut gelesen?
  2. Wie hat es dir gefallen? Würdest du es weiterempfehlen?
  3. Kannst du dir vorstellen, es irgendwann noch einmal zu lesen?
  4. Wie gefiel dir der Schreibstil? Konntest du dich gut mit den Charakteren anfreunden?
  5. Was erzählt dir das Buch über die japanische Gesellschaft?
  6. Wusstest du vorab, dass es in Japan die Hansen-Krankheit (Lepra) gab? Wie findest du den Umgang damit?
  7. Findest du, Tokue hat ihr Leben gut gemeistert?
  8. Falls du den Film gesehen hast: wie findest du ihn im Vergleich zum Buch?

Du kannst mitdiskutieren, indem du einen Kommentar hinterlässt.

Diskussionsrunde vor dem Lesen

Diskussionsrunde während dem Lesen

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Hinweis: Meine Ausgabe des Buches wurde mir auf meine Anfrage hin vom Verlag zur Verfügung gestellt.

8 Kommentare zu “Kirschblüten und rote Bohnen – Diskussion nach dem Lesen

  1. Hallo zusammen! :)

    Wahrscheinlich liest das hier keiner mehr, aber ich möchte trotzdem gerne auch meine Eindrücke hier noch kurz zusammenfassen, auch wenn es mittlerweile schon etwas her ist, dass ich das Buch gelesen habe. Ich habe es zum ersten Mal gelesen und es hat mir sehr gut gefallen. Ich würde es also definitiv weiterempfehlen und kann mir auch gut vorstellen, es noch mal zu lesen. Da ich vor dem Lesen weder Film noch Buch kannte, hatte ich zu Beginn nicht erwartet, dass das Thema Lepra eine so große Rolle spielen würde. Aber ich fand es sehr interessant, da ich mich davor in Bezug auf Japan noch nie mit dem Thema beschäftigt hatte. Ausgehend vom Klappentext hätte ich gedacht, dass Wakana eine tragendere Rolle spielt und man sie besser kennenlernt als das letzten Endes der Fall war. Wie Jessica hätte ich gerne mehr über sie erfahren, aber im Endeffekt blieb es vor allem bei Andeutungen. Über Sentaro und Tokue hat man hingegen recht viel erfahren und die Entwicklung von Sentaro hat mir gut gefallen.

    Tokues Brief hat mir auch sehr gut gefallen und ich finde es schön, zu sehen, dass ich damit nicht alleine bin. :)

    Ich finde, Tokue hat ihr Leben gut gemeistert. Sie wurde so jung aus der Gesellschaft ausgestoßen und hatte sich ihr Leben natürlich komplett anders vorgestellt. Aber sie hat das Beste aus ihrer Situation gemacht und hatte alles in allem ein ziemlich erfülltes Leben, was sie sich so bestimmt nicht hätte vorstellen können, als sie damals im Sanatorium ankam. Gerade ihre Zeit im Doraharu, in der sie das, was ihr jahrelang verwehrt war, wenigstens ein bisschen nachholen konnte und ihre Beziehung zu Sentaro und Wakana haben sie zum Ende ihres Lebens hin noch einmal sehr glücklich gemacht, denke ich.

    Nach der Lektüre habe ich mir dann noch den Film angesehen. Natürlich kann man Film und Buch nie 1:1 miteinander vergleichen. Viel Hintergrundwissen, das man im Buch bekommt, fehlt im Film etwas. Das fällt natürlich vor allem dann auf, wenn man das Buch kurz vorher gelesen hat. Zum Beispiel ging es mir ähnlich wie Sarina, was die Szenen im Sanatorium betrifft. (Auch wenn mir natürlich klar ist, dass der Film noch um einiges länger hätte sein müssen, um das zu leisten und dann etwas anderes unter den Tisch hätte fallen müssen.) Wenn ich mich richtig erinnere, wurde im Film auch nicht thematisiert, dass Sentaro eigentlich Schriftsteller werden wollte. Das fand ich etwas schade, da ich noch weiß, dass mich das beim Lesen sehr überrascht hat, da ich ihn gar nicht so eingeschätzt hatte. (Ich hatte den “Klappentext” im Buch selbst aber auch nicht gelesen, sondern nur den hinten auf dem Cover.) Vielleicht, weil er zu Beginn so verbittert und resigniert wirkt. Ich kann aber auch verstehen, dass man das im Film weglässt, da es für den weiteren Verlauf der Geschichte nicht von zentraler Bedeutung ist.
    Auch schade fand ich, dass es im Film eher so wirkte, als hätte er einfach zu viel getrunken, als er eines Tages zusammenbricht. Im Buch wird aber ja sehr deutlich, dass er sich komplett überarbeitet hat, was meiner Meinung nach auch ein Stück weit seine Charakterentwicklung gezeigt hat.
    Insgesamt würde ich den Film aber auch empfehlen. Denn auch wenn es nicht so klingt, hat er mir auch ziemlich gut gefallen und ich fand ihn auch sehr gut besetzt.

    Zum Ende noch ein kleiner Fun Fact: Ich schwanke noch immer zwischen “Okay, scheinbar mache ich das total falsch mit der Bohnenpaste” und Lust auf selbstgemachte Dorayaki. Aber auch damit bin ich bestimmt nicht allein. ;)

  2. Hallo ihr Lieben,
    ich habe das Buch heute in der Sonne sitzend zu Ende gelesen! :-)

    Rundherum hat mich das Buch angesprochen. Es ist ein sehr kurzweiliges Buch, das ordentlich Appetit macht! Ich habe mir daraufhin aus unserem Edeka Dorayaki mitnehmen müssen, auch wenn die wahrscheinlich an frische mit Anko gefüllte Dorayaki aus Japan nicht rankommen. ;-)

    Ich kann Jaqueline in einigten Punkten nur zustimmen. Das Buch ist sprachlich sehr einfach geschrieben (oder übersetzt). Das angekündigte Poetische (Klappentext) habe ich zumindest sprachlich sehr vermisst – aus den letzten Seiten ändert sich das, aber dazu später mehr. Auch habe anfangs kein richtiges Bild von den Charakteren fassen können. Ich fand es vor allem schwierig Sentaros Charakter einzufangen. Geholfen hat es mir, die Geschichte als Film im Kopf ablaufen zu lassen, um Mimik und Gestik Sentaros zu erahnen. Ich glaube, dass er anfangs ein sehr verbitterter Charakter ist. Er erwartet nichts, wünscht nichts, bereut vielleicht nur und lebt in einer ewigen Spirale voller Schuldgefühle und falschen Pflichtbewusstsein gegenüber der Witwe im Buch. Erst nach und nach als er Tokue kennenlernt, bricht er aus. Er reflektiert, denkt nach, hinterfragt und gewinnt letztendlich eine Leidenschaft für das, was er tut.

    Tokue empfinde ich als sehr beständig im Buch. Ihren Charakter mag ich sehr. Optimistisch, friedlich, in sich ruhend und sehr lebensbejahend. Ein krasser Gegensatz zu ihrer Lebensgeschichte!

    Wakana finde ich am schwierigsten zu verstehen. Wir erfahren leider nicht viel über sie und können nur mutmaßen. Ich hätte so gerne mehr über sie erfahren! Sie scheint ein fast vernachlässigtes Mädchen zu sein. (Im Buch wird beschrieben, dass ihre Mutter wohl häufig fremden Männerbesuch hat. Auch die Beziehung zu Sentaro scheint vollkommen ok zu sein.)

    Jetzt klingt es fast so, als würde mir das Buch doch nicht so gefallen. Ohje. :)

    Ich mochte an dem Buch die Verknüpfung so vieler verschiedener Themengebiete: Krankheit und das Leben mit den Folgen einer isolierenden Krankheit, verlorene Lebensperspektive, das Schicksal eines Menschen aus einem eher perspektivlosen Elternhaus etc. Jeder dieser Figuren haderte oder hadert mehr oder weniger mit diesen Punkten, umso schöner finde ich die Aussage, die am Ende des Buches getroffen wird: “Du bist genug.” “Es reicht einfach zu sein.”
    Und damit schließe ich den Bogen zur oben erwähnten Schlichtheit des Textes. Die letzten Seiten haben es mir richtig angetan. Ich meine explizit den Brief den Tokue an Sentaro schreibt. Er rundet sie Geschichte ab und hinterlässt eine so schöne Botschaft, die einfach aktuell ist.

    “Wenn es mich nicht gäbe, gäbe es den Vollmond nicht. Auch die Bäume gäbe es nicht. Und auch nicht den Wind. Wenn mein Blick auf die Dinge erlischt, verschwinden sie. Das ist alles. […] Wir sind geboren, um die Welt zu betrachten und ihr zuzuhören. Das ist alles, was sie von uns verlangt. Das ist der Sinn unseres Lebens, und nicht, Lehrerin oder Angestellter zu werden.” (S. 206)

    Was denkt ihr über diese Stelle aus dem Buch?

    Ich finde sie unterstreicht meine Idee von der Aussage des Buches nochmal ganz gut. Mir fällt es hier sehr schwer meine Gedanken verständlich aufzuschreiben. Ich versuche es mal:
    Die Welt, das Leben verlangt von uns einfach nur zu sein. Zu hören, zu sehen, da zu sein und wahrzunehmen. Es ist egal, ob du Ex-Sträfling bist und nun Pfannkuchen bäckst, ob du krank warst und gemieden, oder ob du eine andere schulische Laufbahn als andere gehst. Wichtig ist, dass du da bist und das ist wert- und wundervoll. Denn es genügt da zu sein. Du zu sein. Du bist genug.

    Verdammt tolle Aussage. Wow! Ich liebe Tokue dafür. ;-)

    Was denkt ihr? Zu hoch gegriffen? Zu pathetisch oder zu persönlich?

    Was ist eure Lieblingsstelle im Buch?
    Und habt ihr jetzt auch so Lust auf An-gefüllte Dorayaki? :D

    Ich bin gespannt auf eure Meinungen!

    Ganz liebe Grüße,
    Jessica

  3. Liebe Leseratten,

    ich habe das Buch jetzt auch durchgelesen. Es war das erste Mal, dass ich das Buch gelesen habe und es hat mir sehr gut gefallen. Ich würde es auch auf jeden Fall weiterempfehlen. Ich lese fiktive Bücher eigentlich nicht noch einmal, deswegen werde ich dieses Buch wahrscheinlich auch nicht noch einmal lesen. Ich könnte mir aber vorstellen es auf Japanisch zu lesen. Der Schreibstil gefiel mir sehr gut, man hat nicht gemerkt, dass es aus dem japanischen Übersetzt wurde. Mit den Charakteren konnte ich mich gut anfreunden. Das Buch erzählt einem über die japanische Gesellschaft, dass Probleme, die nur eine Minderheit angehen oft vor der Öffentlichkeit ferngehalten werden. So sieht man in Japan auch deutlich weniger Obdachlose oder körperlich eingeschränkte Menschen. Das es Lepra auch in Japan gab ist natürlich erstmal wenig überraschend, da die Lepra ja weltweit vorkam. Ich habe mich durch das Buch motiviert aber noch ein bisschen weiter mit der Handhabung in Japan beschäftigt (bzw. einfach bei Wikipedia durchgelesen) und war schon ein Stück weit schockiert. Die Leprakranken wurden auch noch weggesperrt als diese eigentlich schon geheilt waren. Viele wurden auch zwangssterilisiert und Schwangere wurden zur Abtreibung gezwungen. Laut Wikipedia kämpfen die Überlebenden, die heute meist über 80 Jahre alt sind, noch immer für eine Entschädigung. Ich finde Tokue hat ihr Leben den Umständen entsprechend gut gemeistert, aber man kann aus dem Buch auf jeden Fall mitnehmen, dass wir, die wir alle frei sind, möglichst viel aus unserem Leben machen sollten, da es auch Menschen gibt, die diese Freiheiten nicht haben.
    Den Film habe ich noch nicht gesehen, aber ich kann es nicht erwarten ihn anzuschauen.

    Grüße

    Tim

  4. Jaqueline

    Ich habe das Buch auch an einem Samstag durchgelesen. Ich hatte zwar irgendwie deinEindruck, dass es eine nette kleine Geschichte wird, hab aber sonst keine Erwartungen oder Vorwissen gehabt. Dass es dann um Die Lepra Krankheit gibt, wäre mir gar nicht so in den Sinn gekommen, aber ab da hat das Buch für mich auch einen tieferen Sinn ergeben. Die Thematisierung ist sehr schön gelungen, es “verdirbt” einem nicht den Spaß am Lesen, macht aber gleichzeitig nachdenklich. Schön finde ich, wie Sentaro dann anfängt, darüber zu recherchieren, das machen wir ja heute quasi ständig. :D

    Ich fand es anfangs doch sehr simpel geschrieben, teilweise empfand ich auch, dass Szene oder Gespräche nicht so richtig zuende geführt wurden. Ich glaube aber inzwischen, dass eben das auch den Reiz ausmacht. Von Sentaro war ich doch immer mal wieder verblüfft. Eigentlich stellte er sich anfangs sehr kleinlaut, schüchtern und nicht selbstbewusst dar. Hat dann aber doch ggu. Der Witwe widersprochen – dieser “Mut” hat mich in machen Dialogen dann doch überrascht.

    Ich hätte mir am Ende tatsächlich noch gewünscht, dass die Eröffnung eines eigenen Ladens erzählt wird, aber ich mag so offene Enden generell nicht so. Für mich ist jedenfalls eindeutig, wie es weitergeht.

    Zuletzt muss ich noch gestehen, dass ich erst ungefähr nach Einem Drittel des Buches nachgeschaut habe, was Doriyaki jetzt eigentlich sind. Ich war im Herbst das erste Mal in Japan, dort haben wir BEIM füllen kleiner teigfiguren zugeschaut und ich habe immer angenommen, dass es das ist. Die Doriyaki hab ich selbst zwar auch schon gesehen, aber keines gegessen. Deswegen habe ich die Erklärung zum Pfannkuchen Teig backen anfangs nicht verstanden. Haha.

    Insgesamt mochte ich das Buch sehr. Es viel mir deutlich einfacher, Solch ein Buch in der aktuellen Situation zu lesen, da ich berufsbedingt sehr stark beschäftigt bin und den Kopf für was anspruchsvolleres nicht frei gehabt hätte. Über den Japan Bezug habe ich gar nicht weiter nachgedacht, für mich kam der am ehesten mit den Doriyaki hervor, sonst hätte die Geschichte vermutlich auch woanders spielen können.

    Freue mich, dass es ausgewählt wurde!

    • Liebe Jaqueline

      Die Teigfiguren, die du meintest heißen Taiyaki :)…
      auch sehr lecker ?

  5. Ruth Leukam

    Hallo,
    Wie schon geschrieben, habe ich es nicht geschafft, den Roman ein zweites Mal zu lesen, obwohl es sich bestimmt lohnt.
    Weiterempfohlen habe ich das Buch schon und manche aus meinem Lesekreis haben es daraufhin auch gelesen.
    Es vermittelt einen guten Einblick in das Alltagsleben in Japan , die japanische Mentalität und die Esskultur. Die drei Hauptfiguren sind interessante Charaktere. Alle drei sind Außenseiter , auf sehr unterschiedliche Art und sie stammen aus verschiedenen Generationen. Am meisten hat mich natürlich das Schicksal von Tokue berührt. Trotz ihres harten Lebens ist sie nicht verbittert, sondern wirkt positiv auf Sentaro und Wakana ein. Sie bewirkt sogar, dass sich Sentaro nachhaltig verändert.
    Die Veränderungen des Kirschbaums im Jahresverlauf und die Veränderung der Blüten stehen symbolisch für das menschliche Leben und das der Figuren im Roman.
    Ein berührendes Buch, das dem Leser zeigt, was wirklich wesentlich ist.
    Ich habe damals kurz recherchiert über die Situation von Leprakranken in Japan:
    Der Umgang mit Lepra – Patienten ist ein dunkles Kapitel der japanischen Geschichte. Obwohl es medizinische Behandlungsmöglichkeiten gab und die Ansteckungsgefahr als gering angesehen wurde, hat man an Lepra erkrankte Menschen bis 1996 aus der Gesellschaft ausgeschlossen. Die Erkrankten wurden ein Leben lang geächtet. Es kam auch zu Sterilisationen und erzwungenen Schwangerschaftsabbrüchen. Erst 1996 wurde das „ Gesetz zur Lepra- Prävention“ aufgehoben. Das japanische Parlament hat sich offiziell bei den Betroffenen entschuldigt und Schadensersatz in Höhe von umgerechnet 104.000 Euro bezahlt. Etwa 5000 ältere Leprakranke leben heute noch in staatlichen Leprosorien, weil sie kein Zuhause haben, wohin sie gehen können.

    • Ah, ich habe deinen Kommentar erst gelesen, nachdem ich meinen Kommentar geschrieben habe. Dann scheint Wikipedia ja nicht ganz aktuell zu sein. Freut mich, dass die ehemaligen Leprakranken mittlerweile entschädigt wurden! Auch wenn 104.000 Euro für ein ganzes Leben natürlich zu wenig sind. Wobei hier die Symbolkraft wahrscheinlich wichtiger war, mit über 80 wird das Geld für die Meisten ja wahrscheinlich nicht mehr sooo wichtig sein.

  6. Hallo,

    dann mache ich hier mal den Anfang. Ich habe das Buch diese Woche zum zweiten Mal durchgelesen. Damals 2016, als es rauskam, habe ich es schon ein Mal gelesen. Mich hat damals der Film, der zum Jahresanfang in die Kinos kam total berührt… Auf den gehe ich aber nachher noch ein…

    Das Buch ist super geschrieben und nimmt einen gleich mit in die Geschichte. Die Charaktere sind mit ihren Ecken und Kanten sehr liebenswürdig und man merkt ein Umdenken bei ihnen im Laufe der Geschichte.
    Augenscheinlich geht es zu Beginn nur um Dorayaki und wie man das beste An dafür zubereitet. Aber es wird einem schnell klar, dass jeder Charakter eine eigene Geschichte hat, die nur Stück für Stück zum Vorschein kommt. Dies trägt zum besseren Verständnis für die Charaktere bei. So konnte ich mit Sentaro in seiner speziellen Gefühlswelt aus Versagensgefühl und dennoch dem Wunsch nach mehr mitfühlen. Hier trägt vor allem Tokue zu seiner Entwicklung bei. Sie selbst hat auch ein hartes Schicksal gemeistert, aber ihren Weg im Leben gefunden. Je weiter die Geschichte geht umso mehr zeigt der Autor hier die japanische Realität und auch Mentalität auf.

    Die Japaner leben selbst in vielerlei Hinsicht sehr nach Normen und gesellschaftlichen Erwartungen. Wer dem nicht entspricht, hat meist ein schweres Leben in der japanischen Gesellschaft. Aus diesem Grund bewegt Sentaro sich ja eigentlich am Rand ebendieser und findet nur schwer seinen Weg hinein. Tokue hingegen wurde aufgrund ihrer Krankheit weggesperrt. Obwohl sie sich davon erholt hat und ehemals Lebrakranke später sogar wieder “auf freiem Fuß” war, wurde sie ihren Stempel, den sie aufgedrückt bekommen hat, nicht mehr wirklich los. Dies mag mitunter daran liegen, dass sie schon etliche Jahrzehnte in ihrer “Kolonnie” gelebt hat als das Gesetz abgeschafft wurde, weshalb sie keinen Anschluss mehr an das eigentliche Leben finden konnte (wie sie selbst ja auch eindrucksvoll schildert). Aber nur weil ein Gesetz abgeschafft wurde, heißt es nicht, dass sich die Sicht der Japaner auf Betroffene geändert hat. Diese negativ belastete Sichtweise wird sogar noch an die nächste Generation weitergetragen (siehe Wakana).

    Tokue ist, in meinen Augen, trotz aller Widrigkeiten und verpassten Erlebnissen dennoch zufrieden mit ihrem Leben. Sie hat versucht das aus ihrem Leben zu machen, was ihr möglich war. Letztlich gibt sie Sentaro einen Anstoß sein eigenes Leben in die Hand zu nehmen, was er schließlich auch macht.

    Der Umgang mit Lepra ähnelt ja dem Umgang im (deutschen) Mittelalter ziemlich. Vor dem Buch wusste ich nicht, dass es auch in Japan Fälle von Lepra gab. In Anbetracht der Tatsache, dass erst recht spät ein Mittel gegen die Krankheit gefunden wurde, kann ich verstehen, dass man die Kranken erstmal isoliert hat… Aber eine Wiedereingliederung nach der Heilung fand nicht statt. Das wäre besser gewesen, um Vorurteile abzubauen und den Kranken ein weitgehend normales Leben zu ermöglichen.

    Nun zum Film:
    Ich habe den Film damals an Neujahr 2016 das erste Mal gesehen. Da lief er im independend Kino meiner Stadt. Wenig später sogar im japanischen Original, weshalb ich nochmals rein bin. Im März darauf kam das Buch dann auf Deutsch in die Buchhandlungen und ich hatte es mir vorbestellt. Mit dem Wissen, dass ein Buch immer etwas detailierter ist.

    Der Film hält sich ganz gut an die Vorlage und ist super schön umgesetzt. Die Schauspieler sind gut gewählt und man merkt ihre Leidenschaft dahinter. Natürlich verpackt der Film die Geschichte kompakter, weshalb beispielsweise die Szenen mit Wakana gefühlt häufiger vorkamen und auch an manchen Stellen mehr in den Vordergrund rücken.
    Was mir im Nachhinein auffiel und ich persönlich sehr schade fand, war dass die Szenen im Sanatorium etwas zu kurz kamen. Sie liefern im Buch einfach mehr Hintergrundwissen und führen zu einem besseren Verständnis, meiner Meinung nach.

    Alles in allem kann ich aber beides empfehlen, das Buch wie auch den Film.

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