Mein Lesehit 2019: "Die Ladenhüterin" von Sayaka Murata, auf Deutsch erschienen im Aufbau Verlag.

Buchtipp: „Die Ladenhüterin“ – Sayaka Murata

Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Aufbau Verlag zur Verfügung gestellt.

2019 las ich einen ganzen Berg Literatur aus und über Japan. Heute stelle ich mit „Die Ladenhüterin“ von Sayaka Murata meinen Favoriten des Lesejahres (neben „Die Toten“ von Christian Kracht) vor.

Im Deutschen wäre ich auf das Buch vielleicht gar nicht aufmerksam geworden. „Die Ladenhüterin“ als Titel bringt zwar einen ganz eigenen Witz mit, der durchaus zum Buch passt, allerdings wird nicht auf den ersten Blick klar, dass es sich um ein  japanisches Buch handelt. Im Englischen hingegen ließ mich der Name „Convenience Store Woman“  (angelehnt an den Originaltitel „konbini ningen“ Convenienece Store Mensch) natürlich sofort aufhorchen. So ließ ich mich ein auf die eigene, kleine Welt der konbini ein. Und Sayaka Muratas Hauptfigur der ganz anderen Art.

„Die Ladenhüterin“ von Sayaka Murata

Keiko Furukura ist nicht wie andere Menschen, denn Gefühle sind ihr fremd. Dementsprechend schwierig empfindet sie den Umgang mit anderen Menschen. Diesen fällt Keikos Eigenart oft gar nicht auf. Denn um zu überleben, um als „normal“ zu gelten, hat Keiko gelernt zu imitieren. Dies gelingt ihr besonders gut an ihrem Arbeitsplatz – einem Convenience Store, kurz konbini auf Japanisch. 

konbini sind wie Miniatur-Supermärkte, die sieben Tage die Woche, 24 Stunden am Tag geöffnet haben. In großen Städten gibt es sie an jeder Ecke und sind aus dem Leben der Menschen nicht mehr wegzudenken. Man kauft dort morgens seinen Kaffee, mittags eine schnelle Lunchbox und eine Zeitschrift und zur Not sogar eine frisches weißes Hemd, weil das eigene durchgeschwitzt ist. Auch hebt man dort an einem Automaten Geld ab, an einem anderen kauft man Tickets für Konzerte oder Museen und seine Stromrechnung kann man hier auch gleich noch begleichen. Abends nimmt man sich noch eine Packung Instant-Nudeln und eine Dose Highball mit nach Hause.

Dabei folgt alles festen Regeln je nach Tages- und Jahreszeit. Mal wird Eiskaffee prominent platziert, mal eine neue Sorte Reisbällchen. Es sind diese festen Abläufe, wann eingeräumt wird und wie mit den Kunden zu sprechen ist, die Keiko Halt geben. Sie hat dort ein gutes Leben. Wenn da nicht der unangenehme neue Mitarbeiter Shiraha wäre, der nur rebelliert sich an nichts halten möchte. Obendrein verstehen Keikos Familie und Bekannte nicht, wie sie in ihrem Alter immer noch wie ein Student in einem konbini arbeiten kann. Und nicht verheiratet ist sie auch noch.

Keikos Leben verändert sich schlagartig, als Shiraha eines Tages in ihrer Badewanne sitzt und sich weigert wieder zu gehen. Was macht sie mit diesem Mann in ihrer Wohnung? Und wie geht sie mit den Erwartungen der Gesellschaft an sie um?

Der erste Satz

„Der Convenience Store ist voller Geräusche.“ (Murata, Aufbau, 2019)

Meine Meinung

Ab dem ersten Satz war ich mittendrin. Ich weiß wie ein konbini klingt und riecht, die immer gleichen, höflichen Floskeln, dass es nur in den Wintermonaten Melty Kiss Schokolade gibt und an Regentagen die Regenschirme näher zum Eingang und den Kassen platziert werden.

Von einer Protagonistin zu lesen, die so ganz und gar unemotional durchs Leben geht, war ungewohnt aber nicht unangenehm. Keiko betrachtet sich und ihre Situation ganz ohne Selbstmitleid. Sie ist eben wie sie ist. Eigentlich haben nur andere ein Problem damit. Und nicht einmal mit ihrem unemotionalen Verhalten, schließlich hat sie gelernt sich so zu benehmen, dass es anderen nicht aufstößt. Vielmehr sind es ihre fehlenden Bestrebungen, die gesellschaftlichen Normziele wie eine Vollzeitbeschäftigung in einem Büro oder die Heirat mit einem Mann, der sie versorgen kann, zu erreichen. Sie möchte nicht wie der Durchschnittsjapaner sein. Ähnlich verhält es sich mit Shiraha, wenn er und Keiko auch völlig unterschiedlich mit der Situation umgehen.

Das Buch stellt mutige Fragen: Muss ich wirklich der Norm entsprechen? Wie weit bin ich bereit zu gehen und mich zu verbiegen, um den Erwartungen anderer zu entsprechen?

Besonders mutig von einer japanischen Autorin, wo nun einmal in Japan genau dieser gesellschaftliche Druck enorm hoch ist. Dennoch ist das Buch allgemeingültig, regt es doch jeden zum Nachdenken an, wer er sein möchte, egal ob nun Japaner oder nicht.

Schade nur, dass es so kurz ist und in unter zwei Stunden durchgelesen werden kann. Das Buch ist ein Juwel und hätte wegen mir noch viel länger sein dürfen. Ein Grund mehr, sich darauf zu freuen, dass von Sayaka Murata dieses Jahr mehr veröffentlicht werden wird.

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Kategorien Populärkultur
Elisa

über

Ich bin Elisa, Japan ist meine große Liebe und hier erzähle ich davon. Meine Japanreisen 2019: im Mai war ich zweieinhalb Wochen an der San-in Küste, im November auf Shikoku. What's next?

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