„Butter“ wurde mir freundlicherweise vom „Aufbau Taschenbuch“ -Verlag zur Verfügung gestellt.
Momentan überfluten japanische „Healing Novels“ den Markt – Wohfühlromane über Cafés oder Buchläden, die wie magisch ihre Besucher ein kleines Stück glücklicher machen. Dieser Lesestoff hat, wie andere Genres auch, seine Berechtigung, manchmal ist einem einfach nach einer heißen Tasse Schokolade in Buchform. Doch es fühlte sich schon so an, als ob davon abgesehen kaum noch etwas anderes übersetzt würde. Doch dann ist da „Butter“ von Asako Yuzuki, wo es immerhin auch ums Essen und Kochen geht, und zwar eine Menge. Dahinter steht aber eine Geschichte, die kritische Fragen stellt: über den Stellenwert der Frau in der japanischen Gesellschaft. Welche Erwartungen man zu erfüllen hat und ob man dies überhaupt möchte. Ein Buch, das mich sehr viel zum Nachdenken gebracht hat.

Butter
Asako Yuzuki
Übersetzt von Ursula Gräfe
Aufbau Taschenbuch Verlag
ISBN: 978-3-7466-4071-6
„Butter“ von Asako Yuzuki
Rika arbeitet bei einem Verlag und beschäftigt sich mit einer vermeintlichen Mordserie, bei der die Angeklagte Manako Kajii vor allem wegen eines Punktes in der Öffentlichkeit diskutiert wird: Sie ist übergewichtig. Über Monate bemüht sich Rika um ein Interview mit Kajii, die letztendlich zustimmt, unter der Bedingung, dass die beiden Frauen sich ausschließlich übers Kochen und Essen unterhalten. Rika ahnt nicht, dass diese Begegnung einen Strudel an Ereignissen und Veränderungen in ihrem Leben auslösen wird, von dem auch ihre Freunde und Kollegen betroffen sein werden.
Kajii übt eine faszinierende Wirkung auf Rika aus, derer sich die Frau im Gefängnis durchaus bewusst ist. Sie benutzt Rika als ihre Sinnesverbindung in die Außenwelt, schickt sie los in Restaurants, wo ihr das Essen gut geschmeckt hatte, und lässt sie neue Rezepte ausprobieren und dann von ihren Erfahrungen und Eindrücken berichten. Was mit einem einfachen Gericht – Reis mit Butter und Sojasoße – beginnt, spitzt sich im Laufe der Zeit immer weiter zu.
Rika versucht zu ergründen, ob Kajii wirklich die ihr zugeschriebenen Morde an ihren Liebhabern verübt hat, während sie selbst sich durch Kajiis Einfluss mehr und mehr verändert. Sowohl äußerlich, da sie beginnt zuzunehmen, als auch innerlich in ihren Einstellungen zum Leben und den Erwartungen der Gesellschaft an sie als Frau.

Der erste Absatz
„‚In scheinbar endlosen Reihen zogen sich die kleinen Fertighäuser den Hang hinauf, alle einheitlich in gebrochenem Weiß. Die gepflegten Straßen wirkten so gleichförmig, dass Rika Machida beinahe den Eindruck hatte, im Kreis zu gehen. Ihre Finger waren eiskalt, und ihre eingerissene Nagelhaut brannte.“ (Yuzuki, Aufbau, 2026)
Meine Meinung
Butter. Ich sehe überall nur noch Butter. Hokkaidō-Butter, Echiré-Butter, gesalzen, ungesalzen … ich möchte auch gar nicht wissen, wie oft das Wort Butter im gleichnamigen Roman von Asako Yuzuki vorkommt. Verdammt oft. Butter und deren Genuss werden zum Sinnbild für Selbstbestimmung und Lebensfreude. Die Protagonistin Rika, die anfängt, Butter in diversen Formen zu sich zu nehmen, bricht durch deren Konsum aus Japans starren Gesellschaftsnormen aus.
Nun ist es in Japan natürlich nicht verboten, Butter zu essen. Doch Yuzuki versteht es, das Lebensmittel in ihrem Roman so zu instrumentalisieren, dass es den Unterschied aufzeigt zwischen jenen, die nur funktionieren, und jenen, welche die Freude am Leben entdecken. Mit teils etwas zu langen Beschreibungen von Kochvorgängen, Menüabfolgen und Geschmäckern piekst sie Löcher in die Kruste der gesellschaftlichen Norm, die von Frauen verlangt, die Männer in ihrem Leben zu versorgen und dabei gleichzeitig stark, aber nicht bedrohlich, elegant, aber effektiv, funktional, aber nicht fordernd zu sein. Ein mit Liebe und Mühe gekochtes Essen plus eine saubere Wohnung werden als Norm hingenommen, eine jede Gewichtszunahme über das hinaus, was man als gesundheitlich bedenklich dünn nennen könnte, wird kommentiert und verurteilt.

„Butter“ zeichnet ein bitteres Bild der Realität als Frau in Japan, driftet dabei aber nicht ab in ein reines Männerbashing. Yuzuki stattet ihren Roman mit einigen gut ausgearbeiteten Nebenfiguren aus, welche unterschiedliche Facetten des Mannseins in Japan zeigen. Für die Frauenwelt stehen neben Rika und der Mörderin Kajii noch Rikas beste Freundin Reiko. Sie und Rika leben sehr gegensätzliche Lebensentwürfe, was das Buch sehr facettenreich macht.
Alles in allem hatte ich aber oft Probleme damit, die Handlungen von Rika und Reiko nachzuvollziehen. Nicht, weil ich nicht in Japan aufgewachsen bin und den gesellschaftlichen Druck in dieser extremen Form nicht kenne, sondern weil sie wirklich manchmal nicht nachvollziehbar handeln. Vor allem eine Episode des Buchs, bei der eine der beiden sich in Gefahr begibt, erschließt sich mir auch im Nachhinein nicht. Warum das Ganze? In Kombination mit den oft ausufernden Beschreibungen übers Kochen hatte das Buch einige Längen. Auch führt die Geschichte rund um die Morde nirgends richtig hin. Stattdessen ist der Roman Gedankenfutter: Wie wollen wir leben? Welchen Einfluss haben unsere Entscheidungen und Handlungen auf andere? Wie kann eine Gesellschaft gesunden, in der die Frauen von niederschmetternden Erwartungen erdrückt werden?

Obwohl das Buch für meinen Geschmack etwas kürzer hätte ausfallen können, hat es mich schnell in seinen Bann gezogen. Es gehört zu jenen, die mir während des Lesens viel Spaß gemacht haben, ich danach aber dennoch nicht weiß, ob es mir wirklich gefallen hat. Auf jeden Fall kann ich nicht aufhören, darüber nachzudenken. Und alleine deshalb ist es schon eine Leseempfehlung. (Ebenso wie eine Fahrt nach Niigata in Manako Kajiis Heimatpräfektur, was ich direkt nach dem Lesen getan habe.)

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