"Insel der verlorenen Erinnerung" von Yōko Ogawa, erschienen im Liebeskind Verlag.

Buchtipp: „Insel der verlorenen Erinnerung“ – Yōko Ogawa

Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Liebeskind Verlag zur Verfügung gestellt.

Yōko Ogawa ist in Deutschland keine Unbekannte. Über zehn Werke von ihr* sind in deutscher Sprache erhältlich, seit kurzem auch „Insel der verlorenen Erinnerung“. Für mich war es das erste Buch der japanischen Autorin, aber ganz sicher nicht das letzte.

In ruhiger, leicht poetischer Sprache erzählt sie von Verlust – nahestehender Menschen, der Erinnerungen, der Freiheit. Nur wenige Bücher, die ich lese, erhalten einen dauerhaften Platz in meinem Bücherregal. „Insel der verlorenen Erinnerung“ gehört definitiv dazu.


Insel der verlorenen Erinnerung
Yōko Ogawa

Liebeskind Verlag
ISBN: 978-3832183738

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„Insel der verlorenen Erinnerung“ von Yōko Ogawa

Auf einer japanischen Insel verschwinden regelmäßig Dinge. Nicht nur Gegenstände, nicht in dem Sinn, dass sie jemand geklaut hätte. Nein, das ganze Konzept von etwas verschwindet. Eines morgens werden die Bewohner wach und ihnen wird klar, dass in der Nacht die Briefmarken verschwunden sind. Daraufhin suchen alle in ihren Häusern und Läden die verbleibenden Briefmarken heraus und verbrennen sie oder werfen sie in den Fluss. Sie haben ihre Bedeutung verloren und verschwinden aus den Köpfen und Herzen der Menschen.

Die Erinnerungspolizei überprüft streng, ob auch wirklich alle verbleibenden Dinge ordnungsgemäß entsorgt wurden. Denn es gibt Menschen, bei denen die Erinnerung nicht verschwindet. Diese müssen aufgespürt und aus der Gesellschaft entfernt werden. Die Mutter einer jungen Schriftstellerin war so ein Mensch.

Als der Autorin klar wird, dass auch ihr Lektor zu dieser Personengruppe gehört und Gefahr läuft, von der Erinnerungspolizei deportiert zu werden, beschließt sie ihn, bei sich zu Hause zu verstecken.

Erschienen bei Liebeskind, übersetzt von Sabine Mangold: "Insel der verlorenen Erinnerung" von Yōko Ogawa.
Erschienen bei Liebeskind, übersetzt von Sabine Mangold: „Insel der verlorenen Erinnerung“ von Yōko Ogawa.

Der erste Satz

„Manchmal fragte ich mich, was auf der Insel zuerst verschwand.“ (S. 5, Ogawa, Liebeskind, 2020)

Meine Meinung zu „Insel der verlorenen Erinnerung“

Wow, und einfach nur wow! Da ist es, nach dem Kopfkissenbuch mein zweites, absolutes Lesehighlight des Jahres. Yōko Ogawa erzählt in ihrem Roman aus dem Jahr 1994, der es jetzt endlich auch nach Deutschland geschafft hat, in ruhiger, schöner Sprache von den erschreckend dystopischen Vorkommnissen auf einer abgeschotteten Insel. Zunächst erscheint das Leben dort wie überall sonst in Japan auch. Wenn da nicht das Verschwinden und vor allem Vergessen wäre.

Das Cover vermittelt gut die Atmosphäre des Buchs.
Das Cover vermittelt gut die Atmosphäre des Buchs.

Freiheit

Zum einen greift Ogawa mit ihrer Geschichte das Thema Freiheit auf. Der englische Titel „The Memory Police“ betont diesen Aspekt der Geschichte mehr als das deutsche „Insel der verlorenen Erinnerung“. Rücksichtslos führt die Erinnerungspolizei Razzien durch und lässt Leute verschwinden, die sich dem sonstigen Verschwinden „entgegenstellen“. Obwohl sie gar nichts dafür können, „anders zu sein“. Sie haben auch nicht die Wahl sich anzupassen. Ihre Gene bestimmen über ihr Schicksal. Dies führt zu einer Atmosphäre dauerhafter, unterschwelliger Bedrohung.

Die Parallelen zum dritten Reich und der Judenverfolgung, der Stasi in der DDR, ja allgemein zu jenen Ereignissen in der Geschichte, wo aufgrund von Herkunft, Gesinnung oder Glauben diskriminiert und gemordet wurde, liegen klar auf der Hand. Als Japaner fühlt man sich vielleicht an die eigenen Ureinwohner – die Ainu – oder auch die sogenannten Burakumin erinnert – die Nachkommen all jener, die in früheren Jahrhunderten „unreine“ Berufe wir Gerber oder Schlachter ausführten – die bis heute mit Diskriminierung zu kämpfen haben.

Vergessen

Zugegeben, das allein hätte mir nicht gereicht. Sicherlich, damit als Grundlage hätte man ein spannendes Buch basteln können. Aber Gott sei Dank verknüpfte die Autorin ihre Geschichte zusätzlich mit dem Thema Erinnerung und Verlust. Und das auf eine sehr beklemmende Art und Weise. Es ist nie klar, was als nächstes verschwinden wird. Kann man ohne es leben oder wird es schwierig?

Jedes Verschwinden ist final. Selbst wenn die Bewohner noch einmal mit Dingen von Früher in Berührungen kommen, finden sie es vielleicht für einen Moment faszinierend, aber sonst regt sich keine Emotion in ihnen. Was auch immer es war, es hat völlig an Bedeutung verloren. Zunächst scheint es für jene schlimm, denen die Erinnerung abhanden kommt. Kann eine Autorin noch schreiben, wenn da immer weniger ist, worüber sie schreiben kann? Doch irgendwann wird klar, dass den größten Verlust jene erleiden, die sich erinnern können. Sie nehmen bewusst die Zerstörung ihrer Welt und auch ihrer Mitmenschen wahr.

Mehrfach für ihr Werk ausgezeichnet: die japanische Autorin Yōko Ogawa.
Mehrfach für ihr Werk ausgezeichnet: die japanische Autorin Yōko Ogawa.

Fazit

Das Buch ist weniger als actiongeladenene Science-Fiction-Dystopie und mehr als Parabel zu sehen. Der Leser erfährt nicht einmal die Namen der Charaktere im Buch, was sie in meinen Augen noch viel allgemeingültiger macht. Ich wurde genauso angeregt über Totalitarismus nachzudenken wie über die Frage, was einen Menschen ausmacht und was er alles bereit ist zu akzeptieren, bevor er sich auflehnt. Falls er es denn überhaupt tut.

1994 geschrieben, 2020 veröffentlich, völlig egal. Das Buch ist für mich komplett zeitlos und eine dringende Leseempfehlung, nicht nur für Fans japanischer Literatur.

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Insel der verlorenen Erinnerung
Yōko Ogawa

Liebeskind Verlag
ISBN: 978-3832183738

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Elisa

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Ich bin Elisa, Japan ist meine große Liebe und hier erzähle ich davon. Meine Japanreisen 2019: im Mai war ich zweieinhalb Wochen an der San-in Küste, im November auf Shikoku. What's next?

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